CMIS – WELTKONFERENZ DER SÄKULARINSTITUTE
KONGRESS UND GENERALVERSAMMLUNG

ASSISI – 23. – 28. Juli 2012
(Domus Pacis – Santa Maria degli Angeli, Assisi – Italien)

AUF GOTT HÖREN ‘IN DEN FURCHEN DER GESCHICHTE’:
DER WELTCHARAKTER SPRICHT DAS GEWEIHTE LEBEN AN

  1. Botschaft des Heiligen Vaters Benedikt XVI übertragen vom Staatsekretär. (Kardinal Tarcisio Bertone)
  2. Botschaft des Kardinal Präfekten. (João Braz Kardinal de Aviz)
  3. Einführung zum Kongress. (Ewa Kusz)
  4. Die Weihe Jesu.(Paolo Gamberini, SJ)
  5. In der Welt, nicht von der Welt. Nachdenken über die bleibende Spannung, ein Christ zu sein. (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz)
  6. Wie können wir als Laien und wie Laien im Dienst der Kirche stehen?. (Pierre Langeron)
  7. Ein neues Vorbild der Heiligkeit aus Treue zu Gott in der Welt. (Mons. Gérald Cyprien Lacroix)
  8. Neue Ausdrucksformen und eine neue Sprache für die Kirche. (Ivan Netto)
  9. Wie sich die Berufung wandelt, wenn sich die Welt verändert und wir mit ihr. (Piera Grignolo)
  10. Elemente für ein Resümee des Kongresses. (Giorgio M. Mazzola)
  11. Statistik.

SEGRETERIA DI STATO

Aus dem Vatican, 18.07.2012

+ Tarcisio Card.
Bertone Staatssekretär

Sehr geehrtes Fräulein,

es ist mir eine Freude, den Mitgliedern der Säkularinstitute diese Botschaft des Heiligen Vaters zu übermitteln, die er an den durch die Weltkonferenz der Säkularinstitute in Assisi vorbereiteten Kongress  mit dem Thema: „Im Hören auf Gott 'in den Furchen der Geschichte': der Weltcharakter spricht zur Lebensweihe“ richtet.

Dieses wichtige Thema legt den Akzent auf Eure Identität als Gottgeweihte, die Euch als Männer und Frauen sieht, welche die auf den evangelischen Räten gründende innere Freiheit und die Fülle der Liebe in der Welt leben und zu einem tiefen Verständnis und einem echten Zeugnis in der Geschichte fähig sind. Unsere Zeit stellt das Leben und den Glauben vor tiefgreifende Fragen, doch sie enthüllt auch das Geheimnis der liebevollen Zuwendung Gottes. Das Wort, das Fleisch angenommen hat, feiert ja den Bund Gottes mit der Menschheit aller Epochen. Das seit unvordenklicher Zeit im Geist des Weltenschöpfers verborgene Geheimnis (vgl. Eph 3,9), das sich in der Menschwerdung geoffenbart hat, ist auf seine zukünftige Erfüllung hin ausgerichtet, gleichzeitig aber auch im Heute eingeschlossen als eine erlösende und einigende Kraft.

Vom Heiligen Geist beseelt könnt Ihr in der pilgernden Menschheit die leisen und zuweilen verborgenen Zeichen erkennen, die auf die Gegenwart Gottes hinweisen. Nur kraft der Gnade, die ein Geschenk des Geistes ist, könnt Ihr in den oftmals verschlungenen menschlichen Wegen die Ausrichtung auf die Fülle eines überreichen Lebens entdecken. Eine Dynamik, die jenseits alles äußeren Scheins den wahren Sinn der von Gott geplanten Geschichte darstellt. Eure Berufung ist es, in der Welt zu stehen und all ihre Lasten und Hoffnungen mit einem menschlichen Blick anzunehmen, der mehr und mehr mit dem Blick Gottes übereinstimmt, aus dem ein ursprünglicher, besonderer Auftrag entspringt, der auf dem Bewusstsein gründet, dass Gott auf den krummen Zeilen unserer Geschichte seine Heilsgeschichte schreibt.

In diesem Sinne bringt Eure Identität auch einen interessanten Aspekt Eurer Sendung innerhalb der Kirche zum Ausdruck, nämlich ihr bei der Verwirklichung ihres 'in der Welt seins' zu helfen, im Licht der Worte des II. Vatikanischen Konzils: "Dabei bestimmt die Kirche kein irdischer Machtwille, sondern nur dies eine: unter Führung des Geistes, des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen, der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen (Gaudium et Spes, 3). Die Theologie der Geschichte ist ein wesentlicher Bestandteil der Neuevangelisierung, denn die Menschen unserer Zeit wollen wieder zu einer umfassenden Sicht der Welt und der Zeit finden, zu einer wirklich freien und friedvollen Sicht (vgl. Benedikt XVI, Homilie im Gottesdienst für die Neuevangelisierung, 16. Oktober 2011). Das Konzil erinnert uns ferner daran, wie das Verhältnis von Kirche und Welt im Zeichen der Gegenseitigkeit gelebt werden soll, weshalb es nicht allein Sache der Kirche ist, durch ihren Beitrag für eine humanere Menschheitsfamilie und Geschichte der Welt zu geben, sondern es ist liegt ebenso an der Welt, der Kirche zu helfen, so dass sie sich selbst immer besser verstehen und ihre Sendung leben kann (vgl. Gaudium et Spes, 40-45).

Die Arbeiten, die Ihr in Angriff nehmt, beschäftigen sich mit der besonderen Eigenart der Weihe in der Welt und wollen deutlich machen, wie der Weltcharakter zur Weihe spricht, wie die charakteristischen Züge

Jesu - keusch, arm und gehorsam – eine typische und dauerhafte "Sichtbarkeit" in der Welt erhalten (vgl. Apostolisches Schreiben Vita Consecrata, 1). Der Heilige Vater möchte Eure Aufmerksamkeit auf drei Bereiche hinlenken.

Zuerst ist die vorbehaltlose Hingabe Eures Lebens eine Antwort auf eine persönliche und lebendige Begegnung mit der Liebe Gottes. Ihr habe entdeckt, dass Gott für Euch alles ist, Ihr habt beschlossen, alles Gott zu geben und dies auf besondere Weise: als Laien unter Laien, als Priester unter Priestern. Dies verlangt eine besondere Wachheit, damit Eure Lebensweisen den Reichtum, die Schönheit und die Radikalität der evangelischen Räte aufzeigen.

Ferner das Geistliche Leben. Es ist ein unverzichtbarer Fixpunkt, eine sichere Hilfe um jenes Verlangen zu nähren, in Christus Einheit zu stiften. Dies ist nicht nur Ziel der Existenz eines jeden Christen, sondern mehr noch Ziel dessen, der auf den vorbehaltlosen Anruf zur Selbsthingabe antwortet. Maßstab für die Tiefe Eures geistlichen Lebens ist nicht die Vielzahl der Aktivitäten, die freilich auch Euren Einsatz fordern, sondern vielmehr die Fähigkeit, Gott in der Tiefe jedes Ereignisses zu suchen und alles auf Christus zurückzuführen. Es ist die "Rückführung" aller Dinge auf Christus", von der der Apostel Paulus spricht (vgl. Eph 1.10). Nur in Christus, dem Herrn der Geschichte, findet die Geschichte in ihrer Gesamtheit und in ihren Teilen Sinn und Einheit.

Aus dem Gebet also, wie auch aus dem Hören auf das Wort Gottes soll diese Sehnsucht ihre Nahrung schöpfen. In der Feier der Eucharistie findet Ihr den Grund, um Brot der Liebe zu werden, das für die Menschen gebrochen wird. Aus der Kontemplation und dem gläubigen, von der Gnade erleuchteten Blick soll der Auftrag entspringen, die in einem jeden Menschen tiefgründenden Fragen mit jedermann zu teilen, um Hoffnung und Vertrauen zu schaffen.

Zum dritten die Ausbildung. In keinem Lebensalter darf sie vernachlässigt werden, denn es geht darum, das eigene Leben in Fülle zu leben und sich zu jener Weisheit zu erziehen, die sich stets ihrer menschlichen Kreatürlichkeit wie auch der Größe des Schöpfers bewusst ist. Sucht nach Inhalten und Formen für eine Ausbildung, die Euch zu Laien und Priestern macht, die fähig sind, sich den komplexen Fragen der heutigen Welt zu stellen, offen zu bleiben für die Anregungen, die von den Beziehungen mit den Brüdern ausgehen, denen Ihr auf den Straßen begegnet, und sucht Euch einzubringen in eine besonnene Deutung der Geschichte im Lichte des Wortes Gottes. Seid offen, gemeinsam mit allen, die nach der Wahrheit suchen, Wege des Gemeinwohls zu bauen, ohne vorgefertigte Lösungen und ohne Furcht vor den immer gleichbleibenden Fragen, sondern stets bereit, Euer Leben einzusetzen in der Gewissheit, dass das Samenkorn, wenn es in die Erde gefallen ist und stirbt, reiche Frucht bringt (vgl. Joh 12,24). Seid kreativ, denn der Geist schafft Neues; stärkt eine zukunftsoffene und in Christus tief verwurzelte Sicht der Welt, damit Ihr auch in unserer Zeit von der Erfahrung der Liebe sprechen könnt, die am Anfang jedes Menschenlebens steht. Umfasst in Liebe die Wunden der Welt und der Kirche. Lebt vor allem ein Leben, das froh, erfüllt, gastfreundlich und zur Vergebung fähig ist, weil es auf Jesus Christus gründet, dem endgültigen Wort der Liebe Gottes zu jedem Menschen.

Indem der Heilige Vater Euch diese Gedanken mitteilt, versichert er Euch seines besonderen Gedenkens für Euren Kongress und die Generalversammlung, und ruft besonders die Fürsprache der Seligsten Jungfrau Maria an, die in der Welt ihre vollkommene Weihe an Gott in Christus gelebt hat, und er erteilt Ihnen und allen Teilnehmern seinen Apostolischen Segen.

Gerne füge ich auch meine persönlichen Wünsche an und nütze den Anlass, Sie meiner besonderen Wertschätzung zu versichern.

N. CMIS: der originale Text ist in Italienisch.

DIE SÄKULARINSTITUTE UND DIE KIRCHLICHE GEMEINSCHAFT

Joao Braz Kardinal DE AVIZ

Präfekt der CIVCSVA

Liebe, als Laien gottgeweihte Frauen, Männer und Priester der Säkularinstitute.

Ich bin glücklich, am Beginn dieser so hoffnungsvollen Tage hier bei Euch zu sein. Es sind Tage, an welchen Ihr zuerst in Eurem Kongress arbeitet, einem Ort des Hörens, des Abwägens und der Ausarbeitung, und dann in der Generalversammlung. Eurer Begegnung kommt in diesem Jahr besondere Bedeutung zu, da die neuen Statuten zur Approbation anstehen. Mein Wunsch ist deshalb, dass die tiefere Betrachtung der Normen, die die Formen Eurer gemeinsamen Lebensweise beschreiben, Euch helfen möge, Gemeinschaft in Fülle zu leben, nicht um Unterschiede zu verwischen, sondern um miteinander voranzugehen, ein jeder mit dem eigenen Schritt, doch auf demselben Weg: dem des geweihten Weltcharakters. Nur um diesen Preis kann Gutes wachsen, denn es handelt sich eindeutig um einen vielförmigen Weg.

Dass ich bei Euch bin will ein Ausdruck jener Gemeinschaft sein, die die Weltkonferenz der Säkularinstitute über die Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens mit dem Hl. Vater verbindet. Es geht um jenes Sentire cum Ecclesia, von dem das Apostolischen Schreiben Vita Consecrata in Nummer 46 handelt, aus welchem ich die ersten Sätze zitieren möchte: " Eine große Aufgabe ist dem geweihten Leben auch im Lichte der vom II. Vatikanischen Konzil mit fester Entschiedenheit dargestellten Lehre von der Kirche als Gemeinschaft anvertraut. Von den Personen des geweihten Lebens wird verlangt, als »Zeugen und Baumeister jenes ‘göttlichen Planes für Gemeinschaft', der die Geschichte der Menschen krönen soll«, wirklich Experten der Gemeinschaft zu sein und deren Spiritualität in die Praxis umzusetzen. Der Sinn der kirchlichen Gemeinschaft, die sich zu einer Spiritualität der Gemeinschaft entwickelt, fördert eine Weise des Denkens, Sprechens und Handelns, die die Kirche an Tiefe und Weite wachsen lässt. Denn das Gemeinschaftsleben »wird zu einem Zeichen für die Welt, zur anziehenden Kraft , die zum Glauben an Christus führt [...] Auf diese Weise öffnet sich die Gemeinschaft der Sendung, wird selbst Sendung«, ja, "die Gemeinschaft schafft Gemeinschaft und stellt sich wesentlich als missionarische Gemeinschaft dar«.

Ich wiederhole die Worte des Hl. Vaters Benedikt XVI, die er an Frl. Ewa Kusz, die Präsidentin des Exekutivrates, durch seinen Staatssekretär Kardinal Tarcisio Bertone gerichtet hat und die soeben verlesen wurden: "Zuerst ist die vorbehaltlose Hingabe Eures Lebens eine Antwort auf eine persönliche und lebendige Begegnung mit der Liebe Gottes. Ihr habt entdeckt, dass Gott für Euch alles ist, Ihr habt beschlossen, alles Gott zu geben und dies auf besondere Weise: als Laien unter Laien, als Priester unter Priestern. Dies verlangt eine besondere Wachheit, damit Eure Lebensweisen den Reichtum, die Schönheit und die Radikalität der evangelischen Räte aufzeigen.

Ferner das Geistliche Leben. Es ist ein unverzichtbarer Fixpunkt, eine sichere Hilfe um jenes Verlangen zu nähren, in Christus Einheit zu stiften. Dies ist nicht nur Ziel der Existenz eines jedes Christen, sondern mehr noch Ziel dessen, der auf den vorbehaltlosen Anruf zur Selbsthingabe antwortet. Maßstab für die Tiefe Eures geistlichen Lebens ist nicht die Vielzahl der Aktivitäten, die freilich auch Euren Einsatz fordern, sondern vielmehr die Fähigkeit, Gott in der Tiefe jedes Ereignisses zu suchen und alles auf Christus zurückzuführen. Es ist die "Rückführung" aller Dinge auf Christus", von der der Apostel Paulus spricht (vgl. Eph 1.10). Nur in Christus, dem Herrn der Geschichte, findet die Geschichte in ihrer Gesamtheit und in ihren Teilen Sinn und Einheit.

Aus dem Gebet also, wie auch aus dem Hören auf das Wort Gottes soll diese Sehnsucht ihre Nahrung schöpfen. In der Feier der Eucharistie findet Ihr den Grund, um Brot der Liebe zu werden, das für die Menschen gebrochen wird. Aus der Kontemplation und dem gläubigen, von der Gnade erleuchteten Blick soll der Auftrag entspringen, die in einem jeden Menschen tiefgründenden Fragen mit jedermann zu teilen, um Hoffnung und Vertrauen zu schaffen.

Zum dritten die Ausbildung. In keinem Lebensalter darf sie vernachlässigt werden, denn es geht darum, das eigene Leben in Fülle zu leben und sich zu jener Weisheit zu erziehen, die sich stets ihrer menschlichen Kreatürlichkeit wie auch der Größe des Schöpfers bewusst ist. Sucht nach Inhalten und Formen für eine Ausbildung, die Euch zu Laien und Priestern macht, die fähig sind, sich den komplexen Fragen der heutigen Welt zu stellen, offen zu bleiben für die Anregungen, die von den Beziehungen mit den Brüdern ausgehen, denen Ihr auf den Straßen begegnet, und sucht Euch einzubringen in eine besonnene Deutung der Geschichte im Lichte des Wortes Gottes. Seid offen, gemeinsam mit allen, die nach der Wahrheit suchen, Wege des Gemeinwohls zu bauen, ohne vorgefertigte Lösungen und ohne Furcht vor den immer gleichbleibenden Fragen, sondern stets bereit, Euer Leben einzusetzen in der Gewissheit, dass das Samenkorn, wenn es in die Erde gefallen ist und stirbt, reiche Frucht bringt (vgl. Joh 12,24). Seid kreativ, denn der Geist schafft Neues; stärkt eine zukunftsoffene und in Christus tief verwurzelte Sicht der Welt, damit Ihr auch in unserer Zeit von der Erfahrung der Liebe sprechen könnt, die am Anfang jedes Menschenlebens steht. Umfasst in Liebe die Wunden der Welt und der Kirche. Lebt vor allem ein Leben das froh, erfüllt, gastfreundlich und zur Vergebung fähig ist, weil es auf Jesus Christus gründet, dem endgültigen Wort der Liebe Gottes zu jedem Menschen" (Staatssekretariat, Schreiben vom 18.09.2012, n. 201.643).

Gerade über die kirchliche Gemeinschaft möchte ich heute zu Euch sprechen, und dies nicht um die Bedeutung der besonderen Thematik Eures Kongresses zu schmälern, über die Ihr diesen Tagen nachdenken werdet, sondern vielmehr als ein Rahmen, als Horizont, in den Eure Überlegungen eingebettet sind.

Eure Berufung ist bedeutungslos, wenn sie nicht von ihrer Verwurzelung in der Kirche ausgeht, denn Eure Sendung ist Sendung der Kirche. Im Hohepriesterlichen Gebet des Johannesevangeliums verbindet sich die Intensität der Beziehung von Vater und Sohn mit der Kraft der Sendung der Liebe zu einer Einheit. Durch die Verwirklichung dieser Gemeinschaft der Liebe wird die Kirche zum Zeichen und Werkzeug, die fähig sind, Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen zu schaffen (vgl. Lumen Gentium 1).

Deshalb hat bereits Papst Paul VI. zu Euch gesagt: "Lasst Euch niemals überraschen noch anstecken von der heutzutage allzu leichten Versuchung zu glauben, echte Gemeinschaft mit Christus sei ohne wirkliche Harmonie mit der von den rechtmäßigen Hirten geleiteten kirchlichen Gemeinschaft möglich. Dies wäre Betrug und Täuschung. Was wäre schon ein Einzelner oder eine Gruppe, selbst mit den subjektiv höchsten und vollkommensten Absichten, ohne diese Gemeinschaft? Christus hat sie von uns verlangt als eine Garantie, uns zur Gemeinschaft mit Ihm zuzulassen, auf dieselbe Weise, wie er von uns verlangt hat, den Nächsten zu lieben als einen Beweis unserer Liebe zu Ihm" (Paul VI. Ansprache "Ancora una volta" an die Obern der Säkularinstitute, 20. September 1972).

Und noch eindringlicher wiedeholt Benedikt XVI: "Die Kirche braucht auch Euch, um ihre Sendung zu erfüllen … Seid ein Samen von Heiligkeit, der aus vollen Händen in die Furchen der Geschichte gelegt ist". Es gibt keine Gemeinschaft, die nicht ständig auf eine Sendung hin öffnet, noch gibt es eine Sendung, die nicht einer Gemeinschaft entspränge. Diese beiden Gesichtspunkte berühren das pulsierende Herz der ganzen Kirche und ermöglichen ihr eine neue Sicht der Wirklichkeit, einen Reichtum von Sinngehalt und hoffentlich auch von Lösungen, die eine Antwort sein wollen; wenn schon keine umfassende, so doch eine Antwort aus einem Herzen, das sich immer mehr dem wahren Evangelium nähert.

Eine andere Überlegung drängt mich zur Wahl dieses Themas, und zwar die folgende: eine der ersten Sorgen, die für die Begegnung mit den Säkularinstituten an mich als Präfekt herangetragen wurden, war: "In der Kirche sind wir wenig bekannt oder werden falsch verstanden".

Der tiefe Zusammenhang von Kenntnis und Gemeinschaft scheint mir in einem doppelten Sinne grundlegend zu sein. Gemeinschaft, die– gerade weil sie auf den Grund der Dinge geht und die Fähigkeit zur Begegnung vergrößert – ihrerseits tiefe Kenntnis hervorbringt, kann allein durch eine Kenntnis entstehen, die gleichzeitig Hören, Aufmerksamkeit, Übereinstimmung der Herzen bedeutet.

Deshalb will ich hier nicht an die Gemeinschaft innerhalb eines Instituts denken (was freilich eine eigene Betrachtung verdienen würde), sondern will zu einigen Punkten sprechen, die sich auf die kirchliche Gemeinschaft beziehen. Ich gehe dabei von dem Dokument aus, das die Heilige Kongregation der Ordensleute und der Säkularinstitute nach der Plenaria vom Mai 1983 an die Bischofskonferenzen gesandt hat.

Beim Blick auf die Anfänge dieser Berufung konnte ich feststellen, wie in dieser neuen, durch die Apostolische Konstitution Provida Mater rechtlich anerkannten Lebensform, sofort grundlegend verschiedene Entitäten zusammengeflossen sind, unterschiedlich vor allem hinsichtlich ihrer apostolischen Zielsetzung. Gerade die von der Vorgängerin der späteren Weltkonferenz der Säkularinstitute organisierten Zusammenkünfte waren es, die eine gegenseitige Kenntnis ermöglicht haben – so lese ich - welche die Institute dazu brachte, ihre Unterschiede anzunehmen (der sogenannte Pluralismus), dabei jedoch gleichzeitig die Grenzen dieser Verschiedenheiten herauszustellen (Kongregation für die Ordensleute und Säkularinstitute, Die Säkularinstitute: ihre Identität und Sendung, 3.-6. Mai 1983 n. 4).

Dies scheint mir ein grundsätzlicher Punkt zu sein. Dieser Prozess der gegenseitigen Annahme - so meine ich – ist noch im Gange, und man darf nicht aus dem Auge verlieren wie wichtig es ist, das Bedürfnis nach einer Vertiefung dieses Weges wachzuhalten. Gleichzeitig wächst auch das Verständnis dessen, was das Dokument– wie wir gerade gehört haben – als Grenzen dieser Verschiedenheit bezeichnet. Grenzen, oder auch Randbereiche, die sowohl dem Wesen des Geistes entspringen, der die Erde dauernd mit neuen Gaben erneuert, als auch dem aktuellen Augenblick, in dem die Kirche lebt. Es ist dies heute der Moment, in dem 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil - mit Blick auf das von Benedikt XVI gewünschte Jahr des Glaubens - das Gottesvolk, die Gottgeweihten und die Priester, aber auch die Pastoralarbeiter und Kanonisten alle eingeladen sind, zusammenzuarbeiten, um gemeinsam neue Weg der Evangelisierung und der Weggemeinschaft mit den Menschen unserer Zeit zu bauen.

Ihr versteht sehr wohl, dass ein solches Suchen von Euch eine grundlegende Einstellung verlangt: die nämlich, nicht vorauszusetzen, dass Ihr die wahre (und insofern einzige) Identität eines Säkularinstituts kennt. Dagegen ermöglicht Euch eine grundsätzliche Offenheit, zu entdecken, wie der andere in seiner ihm eigenen Spiritualität und mit der ihm eigenen Sendung und Lebensform die Synthese von Weihe und Weltcharakter verwirklicht; wie es möglich ist, in den verschiedenen sozialen, kulturellen und kirchlichen Bereichen auf unterschiedliche Weise die Originalität und Einmaligkeit Eurer Berufung zu leben.

Nur durch diese Dynamik des aufeinander Hörens und sich Annehmens, die ein kluges Unterscheidungsvermögen erfordert, werdet Ihr reifer werden, weil Ihr eine Erfahrung der Größe Gottes macht. Um seine große Liebe zur Welt zu offenbaren schließt er sich nicht in unsere kleinlichen Vorhaben ein, sondern er lässt Antworten wachsen, die uns seltsam erscheinen mögen, die jedoch dem Leben eines jeden etwas zu sagen und zu geben haben. Ausgehend von dem, was Euch untereinander verbindet, könnt Ihr nicht nur Vergleiche ziehen hinsichtlich Eurer Verschiedenheiten, sondern auch in Bezug auf die immer neuen Herausforderungen, die die Welt gerade an Euch stellt, die Ihr zu einem Leben im "Grenzland" berufen seid. Angesichts neuer Probleme liegt es an Euch, neue Wege zu finden, die von der Aktualität Eurer Sendung zeugen, immer bereit, sie zu hinterfragen und sich ihnen zu stellen, wenn immer die Zeiten und Orte neue Ergebnisse fordern.

Ich denke hier an eine der Fragen, die mir bei meiner Begegnung mit der Polnischen Konferenz der Säkularinstitute im November 2011 gestellt worden ist. Ich wurde nach der Notwendigkeit gefragt, weshalb ein Mitglied eines Säkularinstituts Diskretion über seine Berufung wahren soll. Anstatt einer Antwort folgte eine Einladung an die einzelnen Institute, sich innerhalb des Instituts und untereinander mit den Gründen für eine solche Diskretion auseinanderzusetzen und sich zu fragen: "Warum wurde ein solches Bedürfnis gespürt? Was will dies der Kirche und der Welt sagen?" Die Antworten können für jedes Institut, jede Nation und jede geschichtliche Zeit verschieden sein, doch wenn man die Aktualität und Effektivität eines Werkzeugs feststellen will muss man stets vom Fundament ausgehen, vom Wert, den es verwirklichen und ausdrücken möchte.

Dies scheint mir eine mögliche Methode zu sein, um jene Kenntnis zu erwerben, die zu einer Gemeinschaft führt, die von einer Gemeinschaft ausgeht.

So ist also das gegenseitige kompromisslose Anhören innerhalb der einzelnen Institute wie auch an den entsprechenden Orten der Auseinandersetzung nur Schritt auf dem Weg des Geistes, um ein Ziel zu erreichen. Das wisst Ihr selbst gut.

Ihr wisst auch, dass Ihr bei dieser Arbeit nicht allein seid: die Kirche begleitet Euch durch das Wort der Päpste und den Dienst der Kongregation, die ich vertrete.

Hier möchte ich noch einen weiteren Gesichtspunkt erwähnen, jenen der Gemeinschaft mit der Ortskirche. Auch hier greife ich auf die Worte des Seligen Johannes Paul II. zurück, der im Schlusswort zur oben erwähnten Plenaria gesagt hat: "Wenn die Säkularinstitute sich entfalten und stärken, wird dies auch für die Ortskirchen ein Gewinn sein".

Daraus folgt eine doppelte Einladung an die Institute und an die Hirten: "Im vollen Respekt vor deren Eigenart müssen die Säkularinstitute die pastoralen Nöte der Ortskirche verstehen und annehmen und ihre Mitglieder darin bestärken, dass sie mit aufmerksamer Anteilnahme die Hoffnungen und Mühen, die Pläne und Besorgnisse, den geistlichen Reichtum und die Grenzen, kurz gesagt: die Gemeinschaft mit ihrer konkreten Kirche annehmen.

Und mehr noch, es muss eine Anliegen der Hirten sein, den spezifischen Beitrag der Säkularinstitute zu sehen und auch von ihnen zu erbitten. Eine weitere Verantwortung der Hirten kommt hinzu: nämlich den Säkularinstituten den umfassenden und notwendigen Reichtum der Lehre anzubieten. Die Institute wollen Teil der Welt sein und die zeitliche Realität ordnen und aufwerten, damit alles auf Christus, das Haupt, hinstrebe (vgl. Eph 1,10). Deshalb soll diesen Instituten der ganze Reichtum der katholischen Lehre vermittelt werden, über die Schöpfung, die Menschwerdung und die Erlösung, damit sie sich die weisen und geheimnisvollen Absichten Gottes mit dem Menschen, mit der Geschichte und mit der Welt zu eigen machen.

Heute ist eine diesbezügliche Überprüfung unausweichlich: an welchem Punkt stehen wir?

Selbstverständlich wende ich mich hier an Euch und bitte Euch um ein Nachdenken über den Weg, den Ihr selbst zurückgelegt habt. Doch ist diese Frage auch an die Hirten gerichtet, die eingeladen sind, unter den Gläubigen ein Glaubensverständnis zu fördern, das nicht oberflächlich und bequem ist, sondern wahrheitsgetreu und in vollem Respekt der Besonderheiten … dieser schwierigen, aber schönen Berufung (Worte des Seligen Johannes Paul II. an die Plenaria).

Wir wollen nie vergessen, dass die Gemeinschaft, von der ich rede, eine Gabe des Heiligen Geistes ist, welche die Einheit der Liebe und der gegenseitigen Annahme der Unterschiede bewirkt. Noch bevor sie konkrete Erfolge im kommunikativen und strukturellen Bereich schafft, bedarf sie eines geistlichen Weges. "Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, dass diese sich ausdrücken und wachsen kann" (Novo Millennio ineunte 43).

Ein jeder von Euch möge sich angesprochen fühlen, als Einzelner, als Institut und als Konferenz, Werkzeuge und Wege zu finden, die fähig sind, dass das Ideal einer vollen kirchlichen Gemeinschaft, wie sie in so vielen kirchlichen Dokumenten ausgedrückt ist, zu einer realen geschichtlichen Gemeinschaft werde.

Auch hierfür ist eine grundsätzliche Haltung Voraussetzung: erliegt niemals der Versuchung zur Resignation. Zuweilen mag es sein, dass Euer Bemühen fruchtlos bleibt und Ihr auf Eurem Weg nicht vorankommt: auch in einem solchen Fall, gebt das Ziel nicht auf! Bleibt nicht stehen angesichts von Misserfolg, sondern schöpft daraus neue Kraft zu neuer Kreativität; geht von Ressentiment über zur Verfügbarkeit, vom Misstrauen zur Annahme. Nehmt die der kirchlichen Gemeinschaft geschlagenen Wunden in Euer Gebet, seid ehrlich gegenüber Eurer Verantwortung, lasst nichts unversucht, und brecht in Eurer Selbstprüfung erneut zum mühsamen Weg der Gemeinschaft auf.

Im März dieses Jahres hatten wir in der Kongregation eine Begegnung mit den Obern und dem Rat der CMIS, bei welcher der Rat einige Themen für die gemeinsame Beratung vorgeschlagen hat, die sich so zusammenfassen lassen: die gegenseitige Kenntnis; die Kriterien für die Überprüfung der Identität der Säkularinstitute; die Rolle der CMIS.

Als Dikasterium haben wir diesen Vorschlag gerne angenommen und eine Möglichkeit des Vorgehens aufgezeigt: es soll diese Generalversammlung sein, die die ersten Gesichtspunkte für eine gemeinsame Behandlung formulieren möge; sie soll die Gesprächspartner für das Dikasterium benennen und vor allem festlegen, auf welche Weise sämtliche Institute in die Überlegungen einbezogen werden können. Ein Beispiel für kirchliche Gemeinschaft, wie wir sie verwirklichen wollen!

Schließlich spreche ich noch eine weitere Einladung aus: fördert die Gemeinschaft mit den übrigen Formen des geweihten Lebens und den anderen kirchlichen Einheiten, die mit Euch einige Aspekte Eurer Identität oder Sendung teilen. Ich denke an die anderen Formen des geweihten Lebens, mit denen Ihr im kanonischen Sinn durch die Profess der evangelischen Räte verbunden seid. Ich denke an jene Vereinigungen und Bewegungen, mit denen Ihr durch eine vom Evangelium geprägte Präsenz in der Welt verbunden seid, obschon Ihr eine völlig verschiedene Sendung und einen anderen Lebensstil bewahrt. Es ist ein Vorschlag, der Euch kühn erscheinen mag, der jedoch von Eurer eigenen Berufung angeregt ist, die Euch bereits innerhalb Eures Instituts den Reichtum der Verschiedenheit erfahren lässt und Euer Leben zu einem Prüffeld des Dialogs macht.

Rüstet Euch, diese Gegebenheiten zu kennen, und vor allem gebt Euch selbst ihnen zu erkennen; Ihr habt Euch vor nichts zu verteidigen, Ihr habt nur die Schönheit Eurer Berufung zu zeigen, die gemeinsam mit jener der übrigen Brüder und Schwestern ein Ausdruck des Reichtums und der Lebenskraft der dreifaltigen Liebe ist. Diese überraschende und kreative Liebe, die unsere Vorstellungskraft übersteigt und die die Kirche zu einem wunderbaren Garten macht, in dem die Vielfalt von Blumen und Pflanzen es jedem Menschen ermöglicht, in der Vielfalt der Düfte und Farben die Tiefe und die Freude eines erfüllten und guten Lebens zu erfahren.

NB.: Ich bedanke mich für die Mitarbeit von Dr. Daniela Leggio, Offizial der CIVCSVA, für die Zusammenstellung der Dokumente über die Säkularinstitute.


N. CMIS.: der originale Text ist in Italienisch.

Ewa Kusz

Präsidentin CMIS

Sie alle stammen aus verschiedenen Ländern, und die kulturellen, politischen und auch religiösen Situationen, in denen Sie leben, arbeiten und älter werden, sind höchst unterschiedlich. Seien Sie in all diesen Situationen auf der Suche nach der Wahrheit, nach der menschlichen Offenbarung Gottes im Leben. Wir wissen, dies ist ein langer Weg mit einer bewegten Gegenwart und einem Ausgang, der gewiss ist. Verkünden Sie die Schönheit Gottes und seiner Schöpfung. Gehorchen Sie der Liebe, dem Vorbild Christi folgend, seien Sie sanfte und barmherzige Männer und Frauen, die auf den Wegen der Welt wandeln und nichts als Gutes tun. Stellen Sie die Seligpreisungen in den Mittelpunkt Ihres Lebens, entgegen aller menschlichen Logik, um ein bedingungsloses Vertrauen in Gott auszudrücken, der das Glück der Menschen wünscht. Die Kirche braucht Sie zudem zur Erfüllung ihrer Sendung. Seien Sie die Saat der Heiligkeit, die aus vollen Händen in die Furchen der Geschichte ausgestreut wird. Sie alle, die im ungeschuldeten und effizienten Wirken des Geistes des Herrn wurzeln, mit dem er die menschlichen Begebenheiten leitet, mögen Früchte des echten Glaubens tragen, indem Sie mit Ihrem Leben und Zeugnis Gleichnisse der Hoffnung erzählen, mit Werken, die durch die „Phantasie der Liebe“ eingegeben werden (Johannes Paul II., Novo millenio ineunte, 50) .

Ich zitiere die Worte Benedikts XVI. von 2007, denn sie waren eine Quelle der Inspiration für das Thema des Kongresses, den wir heute eröffnen: Auf Gott hören „auf den Pfaden der Geschichte“: die Welthaftigkeit im Dialog mit der Weihe.

Meine Einführung in den Kongress und seine Thematik umfasst zwei Teile. Zunächst werde ich Ihnen die Statistiken vorstellen – einige von Ihnen kennen Sie bereits –, die die Säkularinstitute betreffen. Ich stütze mich dabei auf eine Studie der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, die in der Zeitschrift Sequela Christi von 2011 veröffentlicht wurde. Anschließend werde ich versuchen, Sie in das Thema des Kongresses einzuführen.

1. [STATISTIKEN]

2. Einführung in die Thematik

Betrachten wir zunächst das kirchliche Umfeld, in dem dieser 9. Weltkongress der Säkularinstitute und die anschließende 13. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode stattfinden, die vom 7. bis 28. Oktober 2012 tagen wird. Sie steht unter dem Thema: „Die Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“. Während dieser Synode wird am 11. Oktober das Jahr des Glaubens beginnen, das von Papst Benedikt XVI. zum Anlass des 50. Jahrestages der Eröffnung des Ökumenischen Vatikanischen Konzils und des 20. Jahrestages der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche ausgerufen wurde. Unser Kongressthema steht im Zeichen dieser Ereignisse, die den Vorrang des Glaubens im privaten Leben wie im beruflichen Leben eines jeden Christen betonen. Es lädt zur näheren Betrachtung der Frage nach dem Zustand unseres Glaubens ein, danach, wie wir in der Welt von heute Zeugen des Evangeliums sein und aufmerksam und besorgt, ja fasziniert hinhören können auf die Worte, die Gott durch diese „aktuelle“ Welt an uns richtet. Assisi lädt uns ebenfalls zu einer solchen Reflexion ein, in der Sorge um den Glauben und die Offenheit für die von der Liebe erschaffenen und erlösten Welt. Assisi – die Stadt, in der Hl. Franziskus geboren wurde und auf seine Auferstehung wartet – Assisi trägt den lebendigen Hauch des Evangeliums ohne Unterlass in die Kirche und die Gesellschaft.

Der Vorrang des Glaubens

Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen: Warum sind wir auf der Welt? Weshalb ist jener Aspekt unseres Lebens ein Grundbestandteil unserer Berufung? Wir stellen diese Frage nicht, weil wir durch unser Dasein auf der Erde gar nicht anders können, sondern weil die Welt und die Tatsache, auf der Welt zu sein, für uns einen Wert und eine Aufgabe darstellen. Papst Benedikt XVI. nennt im Motu Proprio Porta fidei (6) unter anderem folgende Aufgabe der Christen: „mit ihrer Existenz in der Welt das Wort der Wahrheit, das der Herr uns hinterlassen hat, leuchten zu lassen“. Daraus ist zu schließen, dass es keinen anderen Grund gibt, in der Welt, inmitten der Welt zu sein, als den, ohne Unterlass und immer mehr zur „echten und erneuerten Umkehr zum Herrn, dem einzigen Retter der Welt“ zu finden (ebd.).

Hieraus ergeben sich neue Fragen für unsere Reflexion: Wie muss im Umfeld des Vorrangs des Glaubens unsere Weihe inmitten der Welt beschaffen sein?

Wir nehmen an, dass die Weihe dem Vorbild Christi zu folgen hat, der vom Vater für die Erlösung der Welt gesandt wurde (vgl. Joh 3,17). Das Thema der Weihe Jesu in der Welt und für die Welt ist das Thema des ersten Vortrags, den wir vom italienischen Theologen Prof. Paolo Gamberini SJ hören werden.

Nehmen wir uns nun einen Augenblick Zeit, um über eine konkrete Form des In-der-Welt-Seins nachzudenken. Am Beginn unserer Reflexion steht die Frage:

Die christliche Welt oder der Christ in der Welt?

Wenn wir unterscheiden zwischen dem Verständnis von einer Kirche, die um den Aufbau einer christlichen Welt bemüht ist, und der Auffassung von einer Kirche, die sich auf die Anwesenheit von echten Christen und Heiligen in dieser Welt konzentriert, handelt es sich dabei weder um ein Wortspiel noch um eine Gedankenübung. Die Antwort lautet: Je nachdem, welches Kirchenverständnis wir uns zu eigen machen und für welche Kirche wir uns engagieren, verändert dies vollkommen die Daseinsform der Kirche in der Welt von heute und zeitigt wichtige Folgen für unsere Berufung als geweihte Laien.

Über zehn Jahrhunderte lang versuchte man in Europa, eine christliche Welt aufzubauen. Dies begann mit dem Mailänder Toleranzedikt, das das Christentum als Religion des Römischen Reichs anerkannte. Damals schien die Tendenz evident, die Religion mit der Macht zu verbinden und sozusagen eine Allianz zwischen Thron und Altar zu bilden: Da das Heil das höchste Gut war, musste alles unternommen werden, damit es alle Menschen erreichen konnten. Ein Ergebnis dieser Denkweise war gewissermaßen ein Grundsatz, der Jahrhunderte lang in zahlreichen europäischen Ländern galt: cuius regio eius religio. Ein Dasein außerhalb der Kirche war gleichbedeutend mit einem Dasein außerhalb der lokalen Gemeinschaft; es gab Orte und Zeiten, wo die weltliche Macht die von der Kirche gepredigten Grundsätze bewahrte und über deren Umsetzung seitens der Untertanen wachte. Anders gesagt war damals unangefochten eine Praxis üblich, die wir mit den heutigen Geschehnissen in zahlreichen islamischen Staaten vergleichen können.

Die heilige Sehnsucht nach dem Heil der Welt, verbunden mit einem weniger heiligen Wunsch oder gar Postulat, die kirchlichen Normen und Grundsätze vom Staat per Gesetz zu schützen, diese Sehnsucht nach dem Aufbau einer christlichen Welt bleibt stets gegenwärtig und ist nicht einer einzigen Kultur, einem Kontinent oder einer bestimmten Gruppe innerhalb der Kirche zuzuordnen. Sie kommt nicht selten in unseren Wünschen zum Vorschein, denn von seinem Wesen her scheint sie gerecht zu sein, da eng mit der Heilssehnsucht verbunden, sprich mit dem Wunsch nach einem höchsten Gut, für andere, für die Gesellschaft, für die Nation… Mitunter jedoch wird jedoch das Ziel mit der Methode verwechselt. Da will man nicht nur mit Gewalt die ganze Welt retten, sondern tut dies zudem in einer einzigen Weise, in der als „besten‟ erachteten Weise. Die Wünsche eines konkreten Menschen verlieren ihre Bedeutung – wir wissen besser als dieser, was er benötigt – denn er ist vom Weg abgekommen und weiß nicht, was für gut ihn ist. Dies sagt man ihm nicht nur, sondern organisiert sein Leben in der irdischen Heimat so, dass er nicht mehr vom Weg abkommen kann. Nicht selten nehmen wir so die Haltung von Eltern gegenüber einem kleinen Kind ein, oder die eines Vormunds gegenüber einem geistig beeinträchtigten Menschen, und vergessen darüber, dass wir mit einem Erwachsenen zu tun haben, der seiner selbst bewusst ist. Mit einer Person mit einem eigenen Rhythmus und Reifeprozess, der sich mitunter stark von dem unserem unterscheidet. Gott in seiner Liebe ist geduldig und wartet, aber wir? Innerhalb der Gemeinschaft der Kirche versuchen versuchen wir mitunter, bestimmte religiöse Praktiken zu fördern und, innerhalb unserer Institute einen präzisen Werdegang der Weiterbildung zu fordern, u.v.m. Eine Liste von Verhaltensweisen und moralischen und gesellschaftlichen Grundsätzen, „die allein gerecht sind“ und für die ganze Welt verpflichtend werden sollen, unabhängig davon, ob sich die anderen als Glaubende bezeichnen, und die wir an unserem Arbeitsplatz oder in unserem Umfeld einzufordern versuchen.

Die so beschaffene und gelebte Auffassung von einer christlichen Welt verliert jedoch die Person, deren Freiheit und persönliche Beziehung zu Gott außer Augen. Die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gruppe oder einem Säkularinstitut, die Beachtung von Regeln, das Beten zahlreicher Gebete macht niemandem zum Christen: Sie macht ihn lediglich zum Mitglied einer gesellschaftlichen Gruppe mit bestimmten Grundsätzen, Normen, Praktiken und Strukturen.

Was uns zu Christen macht, ist eine echte Verbindung zu Christus, Bande, die Tag für Tag aufs Neue geknüpft und gefestigt werden. Diese Verbindung, die die christliche Identität ausmacht, hat ihrerseits konkrete christliche Haltungen zur Folge, deren gemeinsamen Nenner die Verwirklichung des Gebots der Nächstenliebe ist. Das Ziel lautet dabei nicht, sich zu bemühen, dass das Gesetz in all seinen Ausdrucksformen „christlich“ ist, dass das Gesetz mich und alle anderen darin unterstützt, die Werte des Evangeliums zu befolgen. Was zählt, ist, dass wir Glaubenden, und ganz besonders wir als Mitglieder von Säkularinstituten, wahre Christen sind. Christen, die die Grundsätze des Evangeliums befolgen, das Evangelium in der Gemeinschaft leben und in der Gesellschaft von ihm Zeugnis ablegen, denn diese Grundsätze sind ein Wert: Der Christ will Christus nachahmen, ganz bei ihm sein. Und natürlich möchte ein Christ alle anderen dafür gewinnen, Christus zu folgen und ihn nachzuahmen, doch er tut dies auf die selbe Art wie Jesus: „Wenn du willst…“, „Komm und siehe…“.

Es ist bedeutungsvoll, dass Benedikt XVI. am 28. August 2011 in seiner Homilie während der Begegnung mit dem „Ratzinger-Schülerkreis‟, die unter dem Thema der Neuevangelisierung stand, ein klares Zeugnis von seinem Glauben ablegte: die Ausstrahlung des Glaubens. Und wer ein Glaubenszeugnis ablegt, setzt nicht bei dem Wort an, der Verkündigung, sondern bei dem Hinhören, dem Verstehen der Situation des Menschen in der heutigen Welt, seiner Sprache und Suche, seinem Hunger nach Gott, der Art und Weise, in der dieser Hunger zum Ausdruck kommt. Es gibt kein Hinhören ohne Aufmerksamkeit für die Person, die Welt, ohne die Welt nach dem Vorbild des Fleisch gewordenen Gottes zu betreten, um mit ihm alles Menschliche zu teilen, mit Ausnahme der Sünde, um seine Sorgen und Hoffnungen zu teilen. Und dieser Hinhören bringt eine innere Spannung mit sich. Frau Prof. Hanna Barbara Gerl-Falkowitz wird von der Berufung des Christen in der Welt sprechen, von dieser bleibenden Spannung, die dem Christ-Sein innewohnt.

Wenn die Welt keine christliche Welt ist, wie sollen wir dann heute auf die Rufe nach Neuevangelisierung antworten? Wie das Evangelium in die Welt als den Ort für die Verwirklichung unserer Berufung tragen?

Der Mensch als Weg der Kirche

Die einfachste Antwort scheint mir die zu sein, die der selige Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis gab: Der Mensch ist der Weg der Kirche. Oder der ältere Bruder aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, der stets beim Vater bleibt und sich über die Rückkehr des jüngeren Bruders nicht freuen kann, der aufgebrochen war, um seine eigenen Wege zu suchen und nach einiger Zeit zurückkehrte (vgl. Lk 15,11-32). Ein jeder von ihnen benötigt eine andere Aufmerksamkeit vom Vater, einen anderen Ansatz, eine andere Sorge, eine andere Begleitung. In einer christlichen Welt, so wie sie erschaffen worden war, hätte der jüngere Sohn keinen Platz für den Vater. Obwohl er aus eigenen Kräften zurückgekehrt war, nachdem er einen hohen Preis für sein Fernbleiben gezahlt hatte. Es hat den Anschein, er bliebe auf immer stigmatisiert von seiner Geschichte der Abreise und Verlorenheit. Unsere Berufung lenkt uns gerade zu diesen Menschen hin, die außerhalb der Kirche als Struktur stehen, und zeigt uns Orte der Begegnungen „im Hof der Heiden“ auf. Papst Benedikt XVI. erinnert uns häufig daran, und Kardinal Gianfranco Ravasi, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, fördert diese Begegnungen.

Mitunter scheint sich die Kirche bzw. ihre hierarchische Dimension Bewegungen oder Gemeinschaften zuzuwenden, die expansiv und dynamisch auftreten, und die Säkularinstitute vergisst oder zumindest unterschätzt. Diese andere Art zu evangelisieren und aufzubrechen, um Christus zu verkünden, ist „in Mode“, denn sie findet Zuspruch und wird im Bereich der Ausstrahlung als Erfolg geschätzt. Wir sollten uns freuen, dass Gott in seiner Güte in der Geschichte verschiedene Charismen erweckt hat, deren Ziel die Erneuerung der Kirche ist. Wir sind unserer Berufung treu, die tief im Mysterium der Inkarnation wurzelt. Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kurzen persönlichen Exkurs. Im vergangenen Februar nahm ich am internationalen Symposium Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung teil, das sich mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs in der Kirche befasste. Ein berührender Moment war der Gottesdienst zur Buße für die Sünden und die Opfer des Missbrauchs. Der Bußgottesdienst begann mit der Kontemplation des Mysteriums der Inkarnation. In der Kirche St. Ignatius in Rom sahen wir, begleitet von Musik, im Dunkeln eine Reihe von Dias: Sie zeigten die Schönheit der Welt und der Schöpfung und anschließend deren Zerstörung - Krieg, Schäden, Schmerz und Leid. Ein Blick auf eine Welt voller Spannungen, eine Einladung, die Sichtweise der Heiligen Dreifaltigkeit zu Grunde zu legen, welche aus der Liebe Gottes heraus zur Entsendung von Jesus in die Welt führt. Dies ist der Quell, der unsere Lebensweise bestimmt, wenn wir mit Jesaja sagen: „Hier bin ich, sende mich“, sende mich an diesen oder jenen Ort, um dort ein Christ zu sein, ein Mensch, der Christus nachahmt.

Darin besteht unser Weg: Die Welt nicht wie eine Gefahr anzunehmen, die es zu überwinden gilt, sondern als einen Ort des christlichen Zeugnisses, um zu „hinterfragen“, was die laizistische Welt unserer Weihe, zu unserer Weihe zu sagen hat. Die positiv verstandene Annahme der Welt als Ort des Zeugnisses ergibt sich aus der Annahme der Wahrheit des Evangeliums, dass das Königreich Gottes nicht von dieser Welt ist, dass wir noch immer zu dem Ort unterwegs sind, an dem wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden. Gottes Reich und Königtum ist keine Utopie, die auf dieser Erde verwirklicht werden soll. Diese eschatologische Perspektive lässt erkennen, dass die Zeiten, in denen wir leben, keine besondere Gefahr für das Christentum oder die Kirche darstellen, sondern vielmehr eine Herausforderung, eine Chance, eine Prüfung für den Glauben und die Treue gegenüber unserem Herrn und Meister.

In Anbetracht dieser Herausforderung und Chance lohnt es sich, auf die Kampfansagen, aber auch auf die Lehren zu hören, die die Welt an uns richtet. Die Vertreterinnen und Vertreter der Säkularinstitute werden in ihren Vorträgen vier besonders wichtige Themen erörtern: Über das neue Modell der Heiligkeit wird Erzbischof Gérald Cyprien Lacroix, Primas von Kanada sprechen; zur Frage, was es bedeutet, als Laien im Dienst der Kirche zu stehen, hören wir von Pierre Langeron aus Frankreich; über neue Modelle der Kommunikation berichtet uns Ivan Netto aus Indien; wie sich die Berufung wandelt, wenn sich die Welt wandelt, betrachtet dagegen Paola Grignolo aus Italien.

Schluss

Jemand hat gesagt: „Prophetentum bedeutet nicht, der Wirklichkeit zu entsagen, um einen mystischen, heiligen Himmel oder eine mythische Zukunft aufzusuchen, die die Illusionen der Ideologie reproduziert. Den Lehren der biblischen Propheten zufolge ist das Prophetentum die Treue gegenüber der Geschichte: Denn Propheten wandeln auf irdischen Wegen, wenngleich sie sich dabei die Füße mit Staub beschmutzen. Prophetentum bedeutet, als Kinder der eigenen Epoche, Gesellschaft und Kultur zu Eltern einer neuen Generation zu werden, die sich nicht vom Augenblick verzaubern lässt: nicht auf Grund von Auflehnung oder mangelnder Anpassung, sondern auf Grund der Fähigkeit, diesen Moment neu zu erschaffen. Die Fleischwerdung, die den innersten Kern des Christentums darstellt, ist das im Boden der Geschichte verankerte Kreuz, um den Bruch zwischen Transzendenz und Immanenz, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Raum und Unendlichkeit aufzuheben und so eine neuartige Begegnung zwischen dem Menschen und Gott zu knüpfen“ (S. 112).

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Propheten werden – und als Kinder Ihrer Zeit Eltern einer neuen Generation.


N. CMIS.: der originale Text ist in Polnisch.

DIE WEIHE JESU

Paolo Gamberini, SJ

Das italienische Adjektiv sacro („heilig, geweiht“) ist vom Lateinischen sacer abgeleitet, dessen Wurzel das Akkadische saqaru** („versperren, verbieten“) zu sein scheint. Das Griechische drückt diese Bedeutungskonstellation durch die Begriffe γιoς** (Größe, Transzendenz und Getrenntsein des Göttlichen und ιεeρóς** (von göttlichem Einfluss geprägte Menschen bzw. Gegenstände) aus. Die gemeinsame indoeuropäische Wurzel sac, sak, sag bedeutet „angreifen, anhaften, bezwingen“. Damit ergibt sich für sacer folgender Sinn: eine Wirklichkeit, die von einer Gottheit bezwungen, mit ihr vereinigt ist. Diese Etymologie legt nahe, dass dieser Begriff Orte, Gegenstände, Funktionen (Priester) oder ritualisierte Handlungen (Opfer, Weihe) bezeichnen kann, die „heilig“ sind, da sie das Einschließen/Vereinigen und das Ausschließen/Trennen in sich bergen. Das Heilige vereinigt und trennt somit gleichermaßen.

Von sacer (heilig) ist das lateinische Substantiv consecratio (Weihe) abgeleitet: consecratio bedeutet folglich, eine profane Wirklichkeit mit der Sphäre des „Heiligen“ zu vereinigen und sie auf diese Weise zu heiligen. Diese Bedeutung ist auch in einem anderen Begriff präsent, der stets mit der Sphäre des «Heiligen» verbunden wird, nämlich in sacrificium (Opfer), von sacrum facere: Eine gegebene Wirklichkeit wird durch deren Auslöschung oder Vernichtung geheiligt, um auf diese Weise die Vereinigung mit dem Göttlichen und der Sphäre des „Heiligen“ zu ermöglichen. Die lateinischen Begriffe sacer, consacrare, sacrificium, sacerdotium und sacellum verkörpern dieselbe Dynamik und sind aufeinander bezogen. In der consecratio wird eine mehr oder weniger enge Verbindung zwischen der Sphäre der Göttlichkeit und deren Mysterium, und einer nicht-heiligen Wirklichkeit hergestellt, die wir als „profan“ bezeichnen (pro fanum: das „vor dem Tempel“ Stehende).

Das Heilige ist ein Wesensmerkmal der Religiosität, denn die menschliche Gotteserfahrung ist notwendigerweise vermittelt, d.h. sie erfolgt über ein Element, das nicht Gott ist. Dieses Element evoziert somit das Göttliche und wird dadurch geheiligt, andersartig, vom profanen Gebrauch abgetrennt, und ihm werden Achtung, Anbetung und Ehrfurcht zuteil. Um Verbindung zum Göttlichen aufzunehmen, verleiht der Mensch der profanen Welt entstammenden Gesten, Orten und Zeiten Symbolcharakter und betrachtet sie als privilegierte Momente der Begegnung mit dem Göttlichen. Auf diese Weise entsteht sich der Bereich des Heiligen, der in sämtlichen Religionen anzutreffen ist. Für den Menschen gelten der Ort, die Zeit und die Person als „heilig“, durch die die Gotteserfahrung erlebt wird. Aufgrund dieser symbolischen Vermittlung wird auch die Wirklichkeit, die für die Vermittlung des Göttlichen ausgewählt wird, mit diesem assimiliert und somit ebenfalls Gegenstand ehrfürchtiger Anbetung und Verehrung (im Gegensatz zum Profanen).

Das Heilige steht in einer besonderen Verbindung zur Religion. Wenn wir der Bedeutung nach Lactantius den Vorrang geben (vgl. Divinae Institutiones, IV, 28), dann bezeichnet religio (von religare, „festbinden“) die enge Verbindung zwischen Mensch und Gott. Mit Hilfe der „Grammatik“ des Verbs religare (den Mensch mit Gott verbinden, die Menschen einer Glaubensgemeinschaft untereinander verbinden) ordnet und gestaltet das Heilige die Hintergründe von separare und tollere (des „Trennens“ und „Wegnehmens“: Wer die Dimension des Heiligen als Bezugspunkt für eine Gemeinschaft nicht teilt, bleibt von dieser Gemeinschaft abgetrennt. Regeln und Verhaltensweisen in puncto „Reinheit“ und „Unreinheit“ bringen die „Grammatik“ des Heiligen zum Ausdruck.

In der Religionsphilosophie, Bibelwissenschaft und systematischen Theologie steht der Begriff „heilig“ für alles, was vom Menschen als unverfügbar verehrt und als Macht erfahren wird, von der die Menschen vollkommen abhängig sind. Religiöse Erfahrungen dessen, was heilig ist, können von unterschiedlicher Gestalt sein, doch lassen sich vorwiegend zwei entgegengesetzte Formen feststellen: Einerseits kann das Heilige als überwältigend und unvorhersehbar (tremendum) wahrgenommen werden; in der Bibel kommt dies v.a. in den Erzählungen der Gotteserscheinungen zum Ausdruck, wo der plötzliche Schrecken und die blendenden Erleuchtungen das Numinose als das Schaudervolle und zugleich Anziehende des Göttlichen offenbaren, das v.a. der Todeserfahrung innewohnt. Andererseits wird das Heilige auch als anziehend und ergreifend (fascinans) erlebt, so zum Beispiel in Gestalt des Windes und der Liebeserfahrung .

Diese Dualität der Erfahrung des Heiligen ist auch in der biblischen Offenbarung gegenwärtig. Einerseits bewirkt die Heiligkeit Gottes mit ihren Attributen der Transzendenz, Unaussprechlichkeit und Unverfügbarkeit, dass Furcht und Zittern den Menschen erfüllt, wenn Gott fern ist. Andererseits kommuniziert diese Heiligkeit mit dem Nicht-Göttlichen - dem Propheten, dem heiligen Menschen, den Menschen allgemein - voll Mitleid und die Schuld vergebend, und dieser Mensch fühlt sich voll Liebe zu Gott hingezogen. Diese duale Erfahrung treffen wir sowohl im Alten wie im Neuen Testament an, wenngleich die Art und Weise, in der Christus das Heilige erlebt, dessen latente Ambiguität ein für alle Mal überwindet. Diese Neuheit wurde von den Texten des Neuen Testaments nicht immer konsequent anerkannt und zugrunde gelegt, und noch weniger wurde sie in die kirchliche Praxis übernommen.

Im Neuen Testament finden sich beide Wesensmerkmale der Gottesoffenbarung des Alten Testaments wieder: auf der einen Seite Gott mit dem unverständlichen, furchtbaren Willen, der strafend und rachsüchtig als oberster Verteidiger und Richter in einem unerreichbar fernen Licht thront (Hebr 10,31; 1 Petr 5,6; 1 Tim 6,16); andererseits Gott-Abbà als Spender des Lebens und Stifter von Vergebung und Liebe, der nicht die Guten liebt und die Bösen straft, sondern alle liebt, weil alle gleichermaßen seine Geschöpfe sind (Mk 5,45). Ein Gottesbild, das im religiösen Umfeld Christi Empörung hervorruft.

Die einzigartige Gotteserfahrung Jesu bildet den Höhepunkt des Alten wie des Neuen Testaments. Das Heilige wird darin neu definiert, seine Ambiguität aufgehoben: Die grundlegenden Wirklichkeiten der jüdischen Religion (und jeder Religion), nämlich die Weihe und das Verständnis des Heiligen, werden von Jesus nach der Weihe neu erlebt. Daher möchte ich nun die zentralen Elemente dieses christologischen Werdegangs näher betrachten: Taufe, vorösterlicher Dienst und Leidensgeschichte/Tod.

1. Die Taufe

Die Evangelien schildern die Taufe Jesu in Gestalt eines christlichen midrash, einer typischen literarischen Gattung des Alten Testaments, die eine Interpretation der Identität Jesu anbietet. Dieser midrash soll eine Antwort auf die Verwirrung der Urchristen sein, die in der Taufe im Jordan eine Unterordnung Jesu unter Johannes den Täufer sahen, aber auch die Feststellung, dass selbst Jesus der Vergebung und Umkehr bedurfte.

Wir könnten uns fragen, weshalb Jesus beschlossen hatte, sich von Johannes taufen zu lassen. Zunächst einmal können wir davon ausgehen, dass Jesus von der Ankündigung Johannes des Täufers sowie von dessen Aufforderung zur Buße und Umkehr, um die Vergebung der Sünden zu erlangen, beeindruckt war. Nun wollen wir betrachten, ob die Taufe Jesu als Taufe der Buße impliziert, Jesus habe Anlass zur Reue gehabt. Wenn dem so wäre, dann würde dies bedeuten, dass sich Jesus einer eigenen Sündhaftigkeit bewusst war.

Die Taufe Jesu enthüllt, auf welche Weise Gott unter den Menschen sein wollte: Er wollte bei ihnen sein. Jesus beschränkt sich nicht darauf, sich zu den Sündern niederzubeugen: Er ist bei ihnen. Eben weil er ohne Sünde ist, ist seine Solidarität mit der sündigen Menschheit allumfassend . Jesus, gerade weil er „bei“ den Sündern ist, lebt deren Sünde, ohne sie zu begehen, gewissermaßen von innen heraus. Jesus kann die Sünde auf sich nehmen, da er ohne Sünde ist. Dies bedeutet, dass seine Solidarität mit dem Sünder Jesus selbst als Sünder identifiziert (vgl. 2 Kor 5,21). Die Taufe Jesu führt uns paradigmatisch die Wesensmerkmale seiner Weihe vor Augen.

Die Weihe zielt darauf ab, eine gegebene profane Wirklichkeit mit der Sphäre des „Heiligen“ zu vereinigen, die ja zugleich für eine Dynamik des Ausschließens/Trennens und Einschließens/Vereinigens steht. Schon die phänomenologische Betrachtung der Taufe Jesu zeigt uns, dass hier das Moment des Ausschließens/Trennens fehlt, denn Jesus identifiziert sich mit den Sündern und bekundet volle Solidarietät mit jener profanen, ent-heiligenden Wirklichkeit in Gestalt der Sünde und der Unreinheit. Jesus ist auf nicht-religiöse Weise „bei den Sündern“. Er weist ihre Welt nicht zurück, sondern bekennt sich ihnen gegenüber zu Nähe und Solidarität.

Dass sich der Himmel im Moment der Taufe öffnet (s. Matthäus und Lukas) und der Geist herabkommt, steht für die Identifizierung der Sphäre des Heiligen mit demjenigen, der sich seinerseits mit den Sündern identifiziert. «Zusammen mit dem ganzen Volk ließ auch Jesus sich taufen. Und während seines Betens öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden» (Lk 3,21-22). In dieser Gotteserscheinung bei der Taufe offenbart der Evangelist, dass die religiöse Erfahrung Jesu weder auf einer Entscheidung noch auf einem Befehl beruht, sondern vielmehr auf dem Gefühl, einer bereits zuvor bestehenden, empfangenen Liebe zu entspringen.

2. Die vorösterliche Weihe

Eine Zeit lang taufte Jesus nicht nur, sondern predigte außerdem die Ankündigung des Johannes, einschließlich dessen sozialer Botschaft. Dann geschah etwas, das Jesus dazu brachte, Johannes zu verlassen. Jesus hörte auf, die Taufe zu spenden und den nahen Tag des Jüngsten Gerichts anzukündigen. Was bewegte ihn zum Umdenken, zur radikalen Umkehr, denn darum handelt es sich ja? Ab einem bestimmten Zeitpunkt belegen die Evangelien, dass Jesus seine eigene Botschaft verkündet und sich von Johannes absetzt, denn es geschieht etwas, wonach Jesus aufhört zu taufen, zu beten und das rituelle Gebet abzuhalten. Diese neue Haltung Jesu fällt den Menschen von Galiläa sofort auf (vgl. Mt 9,14-15; 11,18-19; Lk 11,1). Nachdem er eine asketische Lebensweise gelebt hatte, die ganz auf die Verkündung des bevorstehenden Zornes Gottes ausgerichtet war, verkündet Jesus nun auf einmal, dass das Reich Gottes bereits gekommen ist. Der Text des Evangeliums, der diesen radikalen Wandel am deutlichsten zeigt, ist Lk 11,20: «Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen» (Mt 12,28).

Jesus war sich bewusst, dass dort, wo der Geist wirkt, das Gottesreich zum Vorschein tritt. Das apokryphe Thomasevangelium sagt dies deutlich: «Jesus sprach: „Wer mir nahe ist, der ist dem Feuer nahe, und wer fern ist von mir, ist fern vom Königreich» (VgTom 82).

Bereits zu Beginn seines Dienstes wird sich Jesus seiner Weihe bzw. Salbung bewusst. «Oft wird vergessen, dass die Bezeichnung „Jesus Christus“, mit der die Christen von Anfang an ihren Glauben ausdrückten, „Jesus der Gesalbte“ bedeutet. Er selbst bezeichnet sich in der Synagoge von Nazareth so (Lk 4,16 ff.), indem er einen Passus des Propheten Jesaja (61,1-2) zitiert: «Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe» .

Die Erfahrung des in ihm wirkenden Geistes führt zu einem so radikalen Wandel im Leben Jesu, dass er zu den Letzten der Gesellschaft hingedrängt wird. Dass die Kranken, Sünder und Besessenen die unmittelbaren Adressaten des Königreichs Gottes sind, lernt Jesus aus seiner Erfahrung und seinem Dienst. Jesus erwartet das Kommen des Gottesreiches und nicht mehr das eines messianischen Täufers. Stellt die Taufe Jesu im Jordan den Wendepunkt vom privaten zum öffentlichen Leben Jesu dar, so markiert der Dienst des Heilens und des Austreibens von Dämonen dagegen die radikale Wende in seinem öffentlichen Leben.

Die von Johannes an Jesus gerichtete Frage ist ein deutlicher Hinweis auf die Kluft, die zwischen der Erwartung des Täufers an das eschatologische Reich einerseits und der Erfahrung Jesu andererseits besteht. Die Taten und Worte Jesu passen nicht vollkommen in das Denkmuster des Täufers: Er hat einen messianischen Täufer erwartet, nicht einen Freund der Zöllner und Sünder. Weshalb weiterhin Menschen um der Vergebung der Sünden willen taufen, damit sie sich dem bevorstehenden Zorn Gottes entziehen können, wo doch Kranke, Arme und Sünder die Barmherzigkeit Gottes unmittelbar erleben, ohne dass sie dessen Zorn trifft? Das Augenmerk gilt damit nicht mehr den Menschen, die Buße tun, sondern der Liebe Gottes, der Barmherzigkeit walten lässt und seine Geschöpfe gesund macht.

Das Kommen des Gottesreiches ist nicht nur mit dem thaumaturgischen Werk Jesu verbunden, mit seinen Worten und Wundern: Im Mittelpunkt steht die Person Jesu. Wer immer diesem Jesus begegnet, steht dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs von Angesicht zu Angesicht gegenüber. «Für seine Zeitgenossen war die Begegnung mit Jesu eine Einladung zur persönlichen Begegnung mit dem lebendigen Gott, denn jener Mensch war der Gottessohn in Person. Die menschliche Begegnung mit Jesus ist das Sakrament der Begegnung mit Gott» . Die Erfahrung Jesu ist in diesem Sinne die höchste Verwirklichung und somit Quelle bzw. Norm für jede Begegnung mit Gott. In den Worten und Gesten von Jesus von Nazareth ist das Reich Gottes derart nah, dass durch die Begegnung mit Jesus Gott selbst erlebt wird: «Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt» (Joh 15,9).

Jesus versteht sich ganz und gar aus der Liebe Gottes heraus, er ek-sistiert im Grunde allein aus dieser Liebe heraus. Je mehr sich Gott Vater Jesus von Nazareth annähert, desto mehr „entleert“ sich das Sein Jesu und schafft Raum für die βασίλεία**. Die von Johannes (1,18) benutzte Wendung „ό ών είς τόν κόλπον τόύ πατδός**“ drückt eine Bewegung aus (είς τόν κόλπον**), ein dynamisches Verharren im Schoße des Vaters. Jesu Menschsein bestand in der Freiheit, nichts für sich sein zu wollen. «Jesus ist ein Mensch, der durch und durch eins mit sich selbst ist, der einen einzigen Weg eingeschlagen hat. Er verfolgt ein einziges Interesse, nicht viele. Er hat nur ein Wort zu sagen, nicht viele [...] Jesus ist eine mit sich selbst einige Person, die stets auf das Zentrum hingeordnet ist und von diesem und allein von diesem spricht» . Das Sein dieses Menschen ist vielmehr das Ereignis einer Selbstvergessenheit, welche jegliche Selbstaufmerksamkeit übersteigt.

In seiner radikalen Pro-existenz, seinem Dasein-für, offenbart Jesus die Umstände seiner Weihe. Er ist der Gesalbte Gottes, der „treue Zeuge“, denn Jesus macht den unaussprechlichen und unsichtbaren Gott sichtbar. «Wenn ich über mich selbst als Zeuge aussage, ist mein Zeugnis nicht gültig» (Joh 5,31). «Auch wenn ich Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis gültig. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe» (Joh 8,14). Der Unterschied zwischen den Propheten des Alten Testaments und Jesus von Nazareth liegt darin, dass Jesus der „treue Zeuge“ schlechthin ist (vgl. Offb 1,5), der Gott offenbart: «Die Hinwendung Jesu zur Welt ist nicht allein die Konsequenz seiner Hinwendung zu Gott, sondern deren Fortsetzung und sichtbare Transparenz» .

Dies zu sein verstößt nicht gegen die offenbarende Struktur der biblischen Offenbarung. Jesus tritt nicht an die Stelle Gottes, er nimmt dessen Platz nicht ein und maßt sich dessen Würde nicht an: Jesus offenbart den Ursprung der Liebe des Vaters und „ist“ genau darin Sohn. Jesus legt kein Zeugnis von sich selbst ab, sondern lässt nur zu, dass Gott der Vater für ihn und durch ihn liebt. «Wenn er [Jesus] Zöllner und Sünder aufgenommen hat, dann weil er dadurch Gott offenbaren wollte (Lk 15): Dies ist nicht nur eine Geste des Heils für die Sünder, sondern zuerst und zuinnerst eine Geste der Offenbarung» . Wenn Jesus „ich bin“ sagt, will er lediglich den offenbaren, der ihn gesandt hat: den Vater. «Wenn Jesus das έγω είμι** sagt, offenbart er nicht sich selbst zuerst, sondern den Vater» (vgl. Joh 8,24ff.) . Was über das Tun und die Worte Jesu gesagt wird - «dass ich nichts im eigenen Namen tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat» -, gilt umso mehr für das Sein Jesu: Sein „ich bin“ ist eine Bezugnahme auf den Vater (πρòς τòν θεόν**).

3. Weihe als Öffnung für den anderen

Die charakteristische Note und die geringe historische Grundlage der authentischen Überlieferung zum vorösterlichen Jesus belegen, dass Jesus besonders all jene liebt, die am Rand der Gesellschaft seiner Zeit leben: Kranke und Besessene, Zöllner und Dirnen, Letzte und Arme. Jesus ist auch in Bezug auf Kultur und Religion offen für die anderen, sprich für die Heiden. In verschiedenen Begegnungen (vgl. Mk 5,1-20; Mk 7,24-30; Lk 17,11-19) überschreitet Jesus die eigene konfessionelle und missionarische Grenze (nicht-jüdisch) und lässt sich von jemand, der nicht dem auserwählten Volk angehört, im Verständnis vom Reiche Gottes leiten. «In diesen Passagen erweist sich Jesus als jemand, der Grenzen zu überschreiten und Brücken zu bauen versteht» .

Interessant ist diesbezüglich die Rolle, die die Samariter in der Offenbarung der Identität Jesu und des wahren Glaubens spielen.

Dass sich Jesus für andere öffnet, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Feinde Gottes, der Sünder. Jesus entäußert sich gegenüber den Sündern so sehr, dass er sich definiert als „Freund der [...] Sünder“ (vgl. Mt 11,19). Indem er ihnen Vergebung gewährt, ohne diese an Reue zu knüpfen, verstößt Jesus gegen die sittlichen Ansprüche des Gesetzes. Dass Jesus gemeinsam mit den Sündern isst, symbolisiert den Vorrang der Barmherzigkeit Gottes (Indikativ) vor dem Urteil und Zorn Gottes (Imperativ).

Jesus bot Zöllnern, Dirnen und Sündern die Teilhabe am Gottesreich dar, als sie noch Sünder waren (vgl. Röm 5,8). Indem er mit ihnen isst, pflegt Jesus weit mehr als bloße Sympathie gegenüber denen, die außerhalb jeder Beziehung stehen. Jesus empfängt seine Weihe, als er eins wird mit dem Schicksal dessen, der „anders“ und „anders als Gott“ ist. Indem er selbst als Sünder unter Sündern, als Zöllner unter Zöllnern auftritt, hebt Jesus für Sünder und Söldner das auf, was das Wesen der Sündhaftigkeit ausmacht, nämlich die Nicht-Beziehung, die entsetzliche Isolation dieser Menschen. Jesus hat sich all derer angenommen, die im Angesicht des Entsetzens und des Todes lebten. «Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen» (Mt 8,17).

Das Neue Testament bringt diese Identifizierung Jesu mit dem „anderen“ durch die Begriffe peri emon und peri pollon zum Ausdruck. «Paolus gibt diesem Austausch den Namen „Versöhnung“ (katallage). Der griechische Begriff enthält das Adjektiv contiene l'aggettivo allos (anderer); Versöhnung bedeutet daher „ein anderer werden“» . Gott versöhnt die Menschen miteinander, er bildet eine Gemeinschaft mit dem Menschen, wird Mensch: Er wird der andere.

4. Die Auslieferung Jesu in Leid und Tod

Das gesamte Dasein Jesu bestand bis zum Ende in einem Sich-leiten-lassen von der Liebe Gottes, des Vaters: Der Abbà ist es, der über sein Leben und seinen Tod bestimmt (vgl. Mt 26,38). Jesus weiß, dass er das kommende Gottesreich verkörpert und ist sich bewusst, dass der endgültige Sinn seines Lebens und Sterbens die eschatologische Hoffnung ist. «Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinke bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke: im Reich Gottes» (Mk 14,25); «Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reiche Gottes» (Lk 22,18). «Sein festes Vertrauen schließt die Bereitschaft ein, aus den Händen Gottes diesen Tod zu empfangen» . Jesus ist der „treue Zeuge“, denn er hat sich vollends und radikal der Liebe Gottes des Vaters anvertraut (vgl. Lk 23,46). «Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung» (Joh 13,1).

Im Neuen Testament findet sich ein Verb, das eine Einheit bildet zwischen den Evangelien und der frühen Interpretation von Jesu Tod, wie wir sie beim Apostel Paulus finden. Dieses Verb vermittelt ein tieferes Verständnis davon, worin das Mysterium der Weihe Jesu beruht: das Verb „ausliefern“ (παραδιδóναι**, lat. tradere) . Dieses Verb nimmt in Mt 26,46-47 die Bedeutung von verraten an. Jesus wird an Judas ausgeliefert; Judas liefert Jesus den Hohepriestern aus (Mk 14,10); diese wiederum liefern ihn dem Statthalter Pilatus aus (Mt 27,1); Pilatus liefert Jesus den Soldaten aus (Mt 27,26); die Soldaten liefern Jesus dem Kreuz aus (Mt 27,31). Die Evangelisten betonen allerdings, dass Jesus in dieser Abfolge von Auslieferungen nicht untätig bleibt: «Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele» (Mt 20,28). Auch Markus, Lukas und Johannes unterstreichen die freiwillige und bewusste Selbsthingabe Jesu: «Ich gebe [das Leben] aus freiem Willen hin, […] ich habe die Macht es hinzugeben» (Joh 10,18). In Gal 1,4 und Gal 2,20 sowie in den Deuteropaulinen Eph 5,2 und 5,25, in Tit 2,14 und 1 Tim 2,6 ist Christus derjenige, der alles hingibt, was er von Gott Vater empfangen hat (Mt 11,27). Und er «gab seinen Geist auf» (Joh 19,30).

Der Geist, den er bei der Taufe im Jordan empfangen hat, wird nun in der Taufe am Golgotha ausgeliefert. Jesus ist in den tiefen Wassern des Todes gefangen, Jesus steigt aus dem Wasser und «als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden» (Mk 1,10-11). Der beim Tode Jesu aufgestiegene Geist ist nunmehr über alle Menschen ausgeströmt: «Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Träume haben und eure Alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen in jenen Tagen und sie werden Propheten sein» (Apg 2,17-18). Indem er sich „für uns“ hingibt, offenbart er das Ziel seiner Weihe. Johannes schreibt zu Beginn seines Evangeliums: «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab (έδωκεν**), damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird» (Joh 3,16-17). «Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen einzigen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben (παρέδωκεν**) – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?» (Röm 8,31-32).

5. Die Weihe als Opfer Jesu

Das Wort consecratio (Weihe) bedeutet, eine gegebene profane Wirklichkeit zu heiligen und mit der Sphäre des „Heiligen“ zu vereinigen. Dieser Sinn ist auch im Wort sacrificium (Opfer) enthalten: sacrum facere, eine gegebene Wirklichkeit durch deren Ausschaltung oder Vernichtung heiligen, damit die comunio mit der Gottheit und der Sphäre des „Heiligen“ möglich wird. Die Begriffe consacrare, sacrificium und sacerdotium sind in dieser Dynamik aufeinander bezogen.

Mit Hilfe dieser mit der Weihe verbundenen Begriffen fasst Jesus seine Gabe in Worte; dies geschieht vor allem durch die Lieder vom Gottesknecht und das Abendmahl . Gerade Jes 53 spielte eine konkrete Rolle für das Verständnis, das Jesus von seinem gesamten Leben hatte, vor allem von dem Moment an, als für ihn die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes unmittelbar gegeben war. Indem er sein Leben für die vielen hingab, erfüllt Jesus das Dasein-für, die Pro-existenz des Knechts. Hier liegen zwei grundlegende Kategorien der Heilslehre vor, die wir unter Punkt 3 noch einmal aufgreifen werden: die Sühne und die Stellvertreterschaft, kraft deren die Weihe Jesu ihre endgültige Dimension als Daseins-für offenbart. Im Zeichen von Brot und Wein hat Jesus den eigenen Tod gesehen. Anhand dieser Symbole sagt Jesus „Hier bin ich“: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.

Diese Begrifflichkeiten der Weihe und der stellvertretenden Sühne kommen im Brief an die Hebräer (5,7-9; 9,11-14) klar zur Sprache . Anders als beim Sühneritus, bei dem der Opfernde sich selbst mit dem Tier identifiziert, das geopfert werden muss, um die Vereinigung mit dem Heiligen zu ermöglichen, ist es bei Jesu Weihe Gott selbst, der sich mit Jesus von Nazareth identifiziert („Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“). Jesus wiederum identifiziert sich mit den Sündern und liefert sich ihnen aus.

In dieser Umkehr der Dynamik offenbart sich das Novum der Weihe Jesu. Diese folgt weder der Logik des „Sühneritus (der Sünder bringt Opfer dar, um die Vergebung der Sünden zu erlangen), noch der Logik des „Sündenbocks“ (ein Unschuldiger wird zum Opfer der Sünder). Wie in der Überwindung des Sühneritus ist es nicht der Sünder, sondern Gott, der sich mit dem Opfer identifiziert. Und in der Überwindung der Dynamik des „Sündenbocks“ wälzt nicht der Sünder, seinen eigenen Tod auf den Unschuldigen ab, passiv und durch die Gewalt des Sünders gezwungen, sondern der Unschuldige liefert sich aktiv und freiwillig aus.

Die Weihe Jesu birgt ein revolutionäres Potenzial in sich, denn sie drückt eine mit äußerster Konsequenz gelebte Solidarität aus: Sie ist nicht nur Teilhabe am Leiden des anderen, sondern die Übernahme von dessen Bestimmung, Geschichte und Sein. Doch diese Solidarität wird in der Selbstvergessenheit in der Hand Gottes des Vaters gelebt. Ohne diese Auslieferung an Gott Vater wäre es für Jesus nicht möglich gewesen, sich außerhalb des Teufelskreises der religiösen Gewalt zu stellen, der die Menschen zu Opfern zwingt, damit sie sich mit dem Heiligen vereinigen können. Jesus nimmt auf sich, was ihrer ist (Sünde/Tod), um ihnen das zu geben, was seiner ist (Vergebung/Leben): Christus, «der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat» (Hebr 9,14). Jesus ist geweiht, weil er derjenige ist, der den Geist darbringt. Den Geist, den er in der Taufe im Jordan empfangen hat, wird nun in der Taufe am Golgotha ausgeliefert. Der Geist, der aus dem Tode Jesu hervorgeht, strömt nun über alle Menschen zur Vergebung der Sünden aus (vgl. Joh 20,22).

Die Weihe Jesu fordert uns dazu auf, unsere Auffassung vom Heiligen neu zu definieren, denn jede Forderung nach Opfern zur Wiederherstellung der Gemeinschaft mit dem Heiligen ist nun nicht nur überflüssig, sondern vor allem aufgrund der Schuldgefühle ein Widerspruch: «Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten» (Mt 9,13). Die Beziehung, die re-ligio zum Heiligen spielt sich nun nicht mehr durch die Verweigerung des Lebens, d.h. durch einen Opferritus ab, sondern durch die Anerkennung der Gabe und deren Überfülle. Der Herr wartet nicht, dass ihm die Menschen etwas darbieten, sondern er bietet sich uns selbst als Gabe dar. Nun sind es nicht mehr die Menschen, die Gott etwas darbringen müssen, sondern es ist Gott, der sich den Menschen darbringt: Gott gibt sich hin durch die Gabe seiner eigenen Fähigkeit zu lieben.

Hören wir zum Abschluss die Worte des Hl. Ignatius von Loyola in der Kontemplation, um die Liebe zu erhalten (Nr. 234): «Zunächst prüfe ich voller Liebe, was Gott, unser Herr, für mich getan und wieviel er mir von seinem Besitztum gegeben hat; außerdem wie sehr er sich mir schenken will, in allem was er nach seiner göttlichen Verfügung vermag. Daraufhin denke ich über mich selbst nach und überlege, dass es vernünftig und gerecht ist, meinerseits seiner göttlichen Majestät alle meine Dinge und mit ihnen mich selbst darzubieten und hinzugeben, wie der, der voller Liebe schenkt und sagt: Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, meine ganze Habe und meinen Besitz. Du hast es mir gegeben, Dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen. Gib mir deine Liebe und deine Gnade, das ist mir genug.»


N. CMIS.: der originale Text ist in Italienisch.

IN DER WELT, NICHT VON DER WELT.
NACHDENKEN ÜBER DIE BLEIBENDE SPANNUNG, EIN CHRIST ZU SEIN

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

1. Zwei Welten: ein Zugang mit Hildegard von Bingen

Wo Christus ist, kommt es zu einer Spannung. Sie kann leise vibrieren, sie kann aber auch in einem tödlichen Kampf auflodern, denn Christus hat nicht den Frieden, sondern das Schwert gebracht. Auf der einen Seite ist er – unhintergehbar - der Herr des Ganzen, aller Dinge, aller Menschen, aller Engel: „Durch Ihn ist alles geworden“ (Joh 1,3). So trägt alles seine Signatur, ist bis in den Grund von ihm getränkt. Aber andererseits kann sich das Ganze ihm verschließen, und zwar, was besonders furchtbar ist, durch eben die Kraft, die er selbst in die Schöpfung gelegt hat: den Selbstand, das Lebendig-Autonome, die Freiheit. Diese Kraft zum Selbstsein, die schon im Geschaffensein durch Ihn wirkt, die ausdrücklich im „Ebenbild“ sichtbar wird, kann sich unbegreiflicher Weise gegen ihn wenden. „Immer haben wir den Geschmack des Paradiesesapfels im Munde“ , sagt Hildegard von Bingen (1098-1179), den Geschmack der Empörung, der Selbstzerstörung. Diese große Benediktinerin, die im September dieses Jahres zur Kirchenlehrerin ernannt wird, hat einen tiefen Blick in die „zwei Welten“ getan, zwischen denen wir pendeln.

Denn es gibt es zweierlei Welt: jene, die vom Logos geschaffen und sein „Eigentum“ ist (Joh 1,3), und jene, die sich aus ihrem Geliebtsein löst und selbst-eigen sein will (obwohl sie das letztlich nicht sein kann). Und hier verläuft das Drama Jesu, die dramatische Geschichte des Menschensohns, der an dieser Selbstverschließung seines „Eigentums“ zugrundegeht.

Kennzeichnen wir mit den kraftvollen Worten Hildegards die Stelle, die Gott bei der Schöpfung nicht festlegen konnte und wollte: die Stelle, an welcher die Geschöpfe freiwillig ihren Ursprung anerkennen. Hier sitzt die Möglichkeit der Urwunde, und sie wird immer dort sitzen. Hätte Gott diese freie Zuneigung ausgeschlossen, so hätte er statt der Menschen (und Engel) Produkte, Imitate, Willenlose vor sich - wer läßt sich aber von Automaten lieben? Gerade weil Gott kein Sklavenhalter war, schuf er keine Sklaven. Wenigstens ein Blick mag in die Tiefe dieses verwickelten Problems leiten: Die wirklich souveräne Liebe, Seine Liebe, sehnt sich nach der Freiheit, dem Selbstsein des anderen - und das ist ihre Verletzlichkeit. Grenze nicht der Allmacht, sondern von innen aufgerichtete Grenze der Liebe. „Mit der Macht deiner überaus herrlichen Kraft überwältigst du niemand.“ Hier liegt die offene Flanke, Gottes ebenso wie des Menschen: die Möglichkeit, die Urliebe zu verletzen, Widerstand gegen das Geliebtsein zu üben, die Gegenliebe zu verweigern. Statt Du und Ich zu sagen, sagt der Mensch (mit dem schwarzen Engel) nur Ich und Ich allein. Es gibt eine Stimme in uns: „Warum soll ich mich um etwas kümmern außer um mich selbst? (...) Was wäre das für ein Leben, wenn ich auf alle Stimmen der Freude und der Trauer antworten wollte? Ich, ich weiß nur von meiner eigenen Existenz.“ Genau dies war der Fall des Lichtträgers und seiner Mitgeschöpfe, „die aus sich selbst etwas sein wollten. Denn als sie ihre großartige Herrlichkeit und glanzvolle Schönheit in funkelnder Fülle aufstrahlen sahen, vergaßen sie ihres Schöpfers“. In furchtbarer Wiederholung ist es auch der Fall des Menschen, „der sich anmaßend selbst das Gesetz gibt, so als ob er sein eigener Gott sei (...); dann tritt er in sich jene Liebe mit schmerzlicher Bitterkeit nieder“ .

Aus der religiösen Sprache gelöst und alltäglich betrachtet ist darin getroffen die Vergessenheit des eigenen Ursprungs und die Krümmung auf sich selbst (curvatio animi nennt Augustinus die Sünde). Gerade die Kräfte, die uns gegeben sind, nämlich Stärke und Eigenstand, verlocken zur Trennung von ihrem Geber. „Als sie in ihrem eigenen Licht erwachten, haben sie mich vergessen.“ Die Berauschung am eigenen Licht wird normalerweise gefaßt in den eher langweiligen und abstrakten Ausdruck einer Abkehr von Gott. Konkret spricht sich die unauslöschliche Wahrheit darin aus, daß wir nicht aus uns sind und daß jeder Versuch, aus uns zu sein, auf die Länge tödlich endet.

„So ist die ganze Natur des Menschen verdreht oder verkrampft.“ Unausrottbar ist der Verdacht, den Nietzsche am schärfsten - für so viele - in seine bösen Überlegungen faßte: Wo Gott ist, kann ich nicht sein. Und dieses Verwerfen Gottes zugunsten der eigenen Kraft ist die düstere Signatur des letzten Jahrhunderts. „Wie ja auch die Seele Selbstmord begeht, wenn sie nicht mehr Gott anzuhangen versucht.“

So gibt es in der Schöpfung eine ungeschützte Flanke. Sie muß ungeschützt sein, weil Gott sie nicht absichern will, sonst würde er sein Geschöpf merkwürdigerweise beschädigen. Der Mensch selbst müßte sich - falls Gott ihm seinen Willen als etwas „Hilfreiches“ aufzwingen würde - gegen jedes Eingreifen verwahren.

Damit ist ein harter und langer Kampf um die Wahrheit über uns selbst vonnöten. Wo liegt die wirkliche Quelle der Kraft? Wo schneidet man sich selbst von aller Kraft ab - was ja nur ein anderes Wort für Kastration ist? Ebenso wie die Gesellschaften kastriert sind, denen sich der Himmel geschlossen hat. „Wie sehr hat das Geschöpf nach dem Kuß des Schöpfers verlangt...“ – und doch wehrt es sich dagegen. Betrachten wir dieses immer wirksame mysterium iniquitatis mit Hilfe auch der philosophischen Anthropologie.

2. Die Welt der Selbstliebe und der Gewalt

Nach allen anthropologischen Befunden ist Aggression ein Grundtrieb. Das will sagen, daß – wie alle Triebe – auch dieser zur Erhaltung des Lebens notwendig ist: Sie ist Selbstmächtigkeit, Lebenskraft, durchaus sinnvolle Selbstbehauptung. Aber damit liegt auch eine dunkle Seite nahe: Selbstdurchsetzung auf Kosten anderer. Und Aggression dieser Art ist allem Lebendigen eingeschrieben, ob der Pflanze, die andere überwuchert, um genügend Licht zu haben, ob dem Tier, das ein schwächeres, auch seiner eigenen Art, vernichtet, ob dem Menschen, der sich schon von Kind auf gegen andere durchsetzen lernt. So gehört es zum Gesetz allen Daseins, daß es anderes verdrängt, von anderem zehrt, anderes um des eigenen Aufbaus willen unterwirft, sogar auslöscht.

Religionen wissen es längst vor aller Tiefenpsychologie: Lebensgier und Angst, Schuld und Dasein sind in ihrer Tiefe unauflöslich miteinander verflochten. Augustinus, der große Kopf des frühen Christentums, hat dieses Verworrene „Erbsünde“ genannt: eine Auslegung des Daseins durch schlichtes Hinsehen. Arthur Schopenhauer sprach von einer „schweren Verschuldung des Menschengeschlechts durch sein Daseyn selbst“ , die gleichermaßen in Christentum, Brahmanismus und Buddhismus anzutreffen sei. Mittlerweile wird der Begriff Erbsünde scharf bekämpft. „Und doch sind wir ohne das dunkelste aller Geheimnisse uns selber das größte Rätsel“, meinte Pascal. Leben wütet gegen Leben, lebt von fremdem Tod. In dieses instinktive Gewebe ist jeder hineingeboren – kann dann diese naturwüchsige Aggression überhaupt bezwungen werden? Wie läßt sie sich konstruktiv in Lebenskraft umpolen?

Um die Macht der Gewalt, aus der die „Welt“ lebt, deutlicher ins Auge zu fassen, ist das Geheimnis Leben, in welchem die Gewalt verankert ist, tiefer zu betrachten.

3. Das Doppelgesicht des Lebens

Leben hat einen verwirrenden und zugleich unerschöpflichen Doppelcharakter : Einerseits ist es unvordenklich „gegeben“, nicht gewählt (auch nicht in seinen auferlegten Grenzen); andererseits ist es sich selbst gegeben und kann autonom gelebt werden. Leben als Gabe und Leben als Habe also. Und in letzterem liegt offenbar eine entscheidende Wurzel der Aggression: Leben als Eigentum gegen andere zu verteidigen, auszubauen, durchzusetzen, notfalls zu deren Schaden. Aggression als Gegenwehr aus unbewußter Angst, möglicherweise nicht genug vom Leben abzubekommen.

3.1 Leben als Vorgabe

Leben wird sich selbst nur von „Außen“, in seinem Vollzug an Menschen und Dingen ansichtig, kann sich nur anhand von „etwas Erlebtem“ greifen. Doch öffnet sich darin dem Nachdenken ein zugrundeliegendes Leben: Tun oder Erleiden kommen aus einem unmittelbaren „Innen“, welches zwar niemand bewußt vor Augen hat, worin sich jeder aber ständig bewegt. Das heißt: Wir „sehen“ unser Leben nicht als lebendigen, radikalen Grund des Daseins, sondern es vollzieht sich ursprünglich, vorreflexiv, „von selbst“. So verbirgt dieser Grund eine unanschauliche „Nacht“; wir sind uns selber nocturn. So sieht auch das Auge alles, nicht aber sich selbst.

Leben „macht“ sich nicht und läßt sich – sogar empirisch - überhaupt nicht „machen“, sondern nur erhalten und weitergeben. Selbst wenn - in dem häßlichen Ausdruck - die Eltern ein Kind „machen“, geht der Vorgang des Zeugens und Empfangens weit über ein biologisches Verfertigen hinaus: Auch Eltern müssen das Kind in seiner ihm eigenen Lebendigkeit erst (unabschließbar) kennenlernen; es ist gerade nicht ihr gezieltes „Produkt“. Selbst In-vitro-Fertilisation, selbst Klonen bedient sich schon vorhandener lebendiger Materialien. Die Kette des Lebens reicht durch die Generationen hindurch, wird nicht jeweils vom Nullpunkt aus neu installiert. Leben ist Vor-Gabe, selbst unbegriffen, unbegreiflich, uneingeholt, auch aller Annahme vorweg.

Leben ist also nicht einfach vorhanden, es kommt ungefragt zu, mehr noch: es kommt aus Fülle zu. Leben selbst ist Fülle, ist das schon eingetroffene Ankommen bei sich selbst. Leben entspringt der Urtatsache, sich geschenkt zu sein. Und es ist nicht sparsam ausgegossen und durchwegs kärglich bemessen, vielmehr vollzieht es sich fortwährend als eine creatio continua, deren Fülle auch morgen zu erwarten ist.

Der „nächtige“ Kern ist der Charakter des Lebens, ist Vorgabe schlechthin: Sprung aus dem Ursprung, Leben aus dem Urleben. Dies bleibt seinerseits entzogen und unbegreiflich, wie wir uns selbst auch. Unser Ursprung ist immémorial, nicht erinnerbar.

3.2 Leben als Selbstand

Andererseits ist Leben, obwohl Gabe, dennoch unbezweifelbar selbständig: Es ist sich gegeben, als Wachstum (natura meint das, was sich ausgebärt). Aus sich heraus greift es in Welt ein, bezieht aus ihr eigentätig die „Materialien“ seines Daseins. Schon im Atem nehmen wir beständig teil am Umgebenden, so auch im Essen, Trinken... Woher immer Leben stammt (die Frage nach dem Geber ist damit noch nicht beantwortet), handelt es sich um eine Gabe des Selbstseins; anders: eine Gabe eigener, sich zu eigen überantworteter Kraft. Aus unerschöpflichem, unergründlichem Anfang ist Leben wirklich selbstgehörig. Anschaulich wird das in dem Bild: Wenn eine Kerze eine zweite entzündet, brennt die zweite Flamme aus sich heraus, obwohl sie sich der ersten verdankt. Es gehört zur Größe der Gabe „Leben“, daß sie die eigene Mitwirkung freisetzt. Selbstsein ist nicht prometheischer Raub, sondern Gabe. Gegebensein und Selbstgebung schließen sich also nicht aus: Gerade Selbstand ist verliehen. Selbständig greift Leben in Welt ein und wird dort seiner selbst ansichtig, auch in Gestalt eigener Freiheit. So wandelt sich der lebendige Kern zum „Ego“, zum Bezugspunkt von Welt, Dingen, Menschen in der Bewegung der „Sorge“ um sich selbst. Das ist nicht schon ein „Abfall“, vielmehr gehört diese Bewegung zur Ausgestaltung des Lebendigen.

3.3 Leben als Habe: Die „ontische“ Schuld der Welt

Gerade wegen ihrer Unsichtbarkeit kann die Gabe Leben aber auch eigennützig beansprucht werden, danklos und gedankenlos. Darin liegt der Keim dunkler Möglichkeiten: im angemaßten, fraglosen Nehmen (dem Armen soll auch noch das einzige Lamm genommen werden), im berechneten Geben (do ut des: ich gebe, damit du gibst), im Tauschen, das von einem geheimen Übervorteilen des anderen ausgeht, oder radikal: im Behalten der „Gabe Leben“ für sich, ohne sie zeugend weiterzureichen. Diese bedenkenlose und danklose Schwerkraft, die Selbstdurchsetzung des Lebens läßt sich nennen: sein Dasein als Habe leben, ebenso aggressiv wie geizig. Als Habe, die beständig zu vermehren und als Besitz abzuschotten ist. Weil sich Dasein in seiner absehbaren Endlichkeit „nicht genügt“, bedarf es der Habe als des scheinbaren Bollwerks gegen das Verlieren und „Einbüßen“ (ein bedeutungsschweres Wort!) von Leben, bis der letzte Verlust, der Tod, unumgänglich wird. Zwingt das ungesicherte Dasein nicht geradezu zum Haben? Zum Übergehen und sogar „Ausschalten“ des Anderen?

Aggression also aus geheimer Angst: daß der Vorrat nicht genügt, daß das Leben nicht ausgeschöpft wird, daß der Andere mehr hat und mir etwas vorenthält, sogar wegnimmt... Damit ist aber ein gedanklicher Überschritt verbunden: Wie so häufig wurzelt die individuelle Schuld in einer grundlegenden Verstörung. Denn im Dasein ist bereits naturwüchsig, ja, geradezu unausweichlich eine Störung angelegt: im Sinne einer im Leben selbst sprungbereiten, ja notwendigen „Habgier“. Damit sind wir bei der vorschuldigen Aggression, der vormoralischen „ontischen“ Schuld angekommen. Davon sprechen viele Religionen in Mythen und Bildern, und zwar auf der Ebene des gesamten Daseins. Eine der solcherart tragischen Mythen ist jene des Ödipus, dessen „unschuldige Schuld“ sich im Mord am Vater und dem Inzest mit der eigenen Mutter erfüllt. Und dies ist die Erfahrung von „Welt“ auch im Sinne des Johannes-Evangeliums; so sind wir alle „in der Welt“: unausweichlich in ihre Art des egozentrischen Lebens eingebunden.

Ein berühmter Beleg aus der Vorsokratik, das Fragment 110 von Anaximander (5. Jh. v. Chr.), thematisiert Schuld sogar auf der Ebene der Dinge: „Die Dinge strafen und vergelten einander gegenseitig ihr Unrecht (adikias) nach der Ordnung (taxin) der Zeit.“ Dieser eigentümliche Spruch führt zu einer Deutung von Aggression als einer seinshaften Schuld: durch Dasein selbst. Denn immer nimmt das Entstehen und Sich-Gestalten aller Dinge Raum ein, der anderes verdrängt, ja, von anderem zehrt, anderes vielleicht löscht, um selbst zu sein. Doch leistet nach Anaximander die „Ordnung der Zeit“ die Aufhebung der aggressiven Verdrängung, indem die Zeit alles ins Vergehen, Verschwinden, Vergessensein zurückzwingt. Was dem modernen Unschulds-Bewußtsein wohl am weitesten entfernt liegt, ist das eigentümliche Verstricktsein auch auf der Ebene von Pflanze und Tier in „Schuld“. „Alles, was im Schoß der Natur lebt, ist nur auf Kosten eines anderen entstanden und wird eines Tages diesem anderen Platz machen müssen. Die Natur gebiert und vernichtet, und es ist ihr gleich, was sie gebiert, was sie vernichtet, wenn nur das Leben nicht aufhört (...)“ So wütet Leben gegen Leben, stürzt Leben auf Tod, den eigenen und den fremden, zu. Was so gierig lebt, kann nur Grauen ernten. Thomas von Aquin spricht beim Anblick der Schöpfung von einer discordia naturalis, einem naturhaften Kampf, wo es nicht nur um Eroberung eigener Lebensräume, sondern unmittelbar um Vernichtung des anderen im Fressen und Gefressenwerden geht – um eine Natur, „an Zähnen und Klauen rot“ (Alfred Tennyson (1809-1892)). Es gibt keine Ausnahme vom Gesetz, andere leiden zu machen, fremde Lebenskraft unbefragt zu nehmen. Der späte Reinhold Schneider (1903-1958), ein bedeutender katholischer deutscher Schriftsteller, fiel beim Betrachten der „Techniken“ von Insekten, ihre Wirte durch Larven von innen her langsam aufzuzehren, in den Unglauben seiner Jugend zurück.

Daraus erklärt sich das enge sachliche Band zwischen Schuld und Religionen, die in all ihren vielgefächerten Weisen den Gestus der kollektiven rituellen Entschuldung üben, freilich in höchst unterschiedlicher Form. Daher sind Religionen auch nicht einfach religionskritisch aufzulösen, als genüge ihre aufklärerische Löschung, um ihr Pendant, die Schuld, zum Verschwinden zu bringen. Da „ontische“ Schuld keine Erfindung dekadenter Moral, sondern eine (vorbewußt bleibende) Zuständlichkeit ist, kommt es bei einem oberflächlichen Tilgen von Schuld zu ihrem „Mäandern“: zum Wechsel ihrer Erscheinungsformen, zu Verkleidungen monströser Art. In Kafkas Prozeß erfährt der Angeklagte Josef K. nie den Anlaß seiner Anklage; die Ursache aber steht fest: Er ist schlechthin schuldig. Solche „ontische“ Schuld ist zwar im aufgeklärten Bewußtsein weithin verlorengegangen, damit aber nicht aus der Unordnung der Welt verschwunden.

In diesem Kontext erhellt sich die eigentümliche Wortprägung der Erbsünde, die zunächst eine Eigenheit des Christentums in der Auslegung der Genesis zu sein scheint. Bei prüfendem Hinsehen aber ist die Verfallenheit des Daseins (und nicht allein des menschlichen) mehr oder minder bildlich und reflektiert in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen ausgedrückt; ja, in der „Analyse“ dieser Verfallenheit, und sei sie nur narrativ-mythisch vollzogen, ähneln sie sich sachlich am meisten. „Erbsünde“ ist in biblischer Tradition vorindividuell-menschheitlich verstanden und besagt eine Schuldfähigkeit, die in der Weise naturhaft-aggressiver Selbstdurchsetzung angelegt ist. Sie manifestiert und aktiviert sich vorwiegend im Zwischenmenschlichen als dem eigentlichen Raum der Verfehlung. Naive Erläuterungen einer biologisch oder genetisch oder psychologisch „vererbten“ Schuld greifen daneben; vielmehr geht es um eine Gefährdung der menschlichen Beziehungen. Schuldigwerden aneinander heißt in der einfachsten Bestimmung, das eigene Ich gegen den anderen zu setzen. Eben dies vollzieht sich aber geradezu naturhaft-vorbewußt: in der Verwahrung des Ich gegen das Du, in dessen Instrumentalisierung für eigene Zwecke, im Nicht-Zulassen und Beiseiteschieben des anderen aus dem eigenen Dominium. Aus Du soll Es werden, ein willenloses Gegenüber.

In dieses Gewebe gegenseitiger Nachrangigkeit und instinktiver Selbstsetzung wird jeder hineingeboren, nimmt – selbst noch in der Gegenwehr - daran teil und ist konstitutiv, als „Erbe“, darin verschränkt. Nicht wenige Religionen und Kulturen, die eine hierarchisch gebaute Anthropologie besitzen, verankern Degradierungen anderer Menschen systemisch, betrachten bestimmte Gesellschaftsschichten gar nicht im vollen Sinne als menschlich: So bilden die Parias, die Unberührbaren, im hinduistischen Kastensystem eine Art „Untermenschen“. Aber auch die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts führten diese Verzweckungen bestimmter Menschen oder Gruppen planmäßig durch: „Sie haben versprochen, für uns zu bauen; nun bauen sie aus uns“ (Wassili Stus).

Die skizzierte Ur-Schuld, als Disposition jedes menschlichen Daseins, ist die Schuld einer Selbstdurchsetzung - entweder gegen den Ursprung des Daseins, gegen Gott, oder gegen den „Bruder“; bei genauer Betrachtung gegen beide. Denn beide werden in den Bannkreis des eigenen Wollens einbezogen, möglichst dienstbar eingepaßt. „Erbsünde“ meint im Wortsinn also Abtrennung zugunsten von Selbstbehauptung und Eigensein anstelle von Mitsein mit anderen. Dies ist die „Welt“, die sich gegen das Eintreten Jesu wehrt.

4. Lösung der Macht der „Welt“

Es gehört zur Aufgabe der Religionen, eine Bezwingung oder zumindest Hegung der Aggression vorzubereiten. Schon das „Heilige“ verweist auf das Heilen von etwas Zerstörtem und Zerstörerischem. Weit über die Lebensgier hinaus öffnet religiöses Denken eine hilfreiche, aufrichtende Sicht: Dasein ist auch, ja vor allem Gabe. Niemand hat sich selbst ins Leben gesetzt; ein unvordenklicher Ursprung gönnt allen Geschöpfen das Dasein. Anderem Geschaffenen daher das Leben einzuräumen wird zum Maßstab einer Kultur. Niemand ist eines anderen „Zweck“, das weiß schon die Aufklärung. Anderen die Geburt gönnen, Leben einräumen wird zum Maßstab einer Kultur: Übernimmt sie z. B. das Kind als „reine Gabe“? Das setzt voraus, daß das eigene Dasein nicht selbstverständlich, habgierig oder mißmutig hingenommen, sondern immer erneut als staunenswert erfahren und dankend bestätigt wird. Tiefer aber setzt es voraus: Leben muß befreit sein von der Angst um seine eigene Kraft und Grenze, vor der „Einengung“ durch anderes Dasein. Es muß nicht als Raub verteidigen, was ihm doch aus „Huld“, aus unerklärlicher Überfülle gegeben ist: das eigene Leben.

Ist ein solches Leben aus Fülle, ohne Aggression, Angst und Gier, denkbar? Unterschiedliche religiöse Ansätze reichen vom buddhistischen Unterlaufen des Lebens bis zur biblischen Welt-Bändigung: Leben strömt „umsonst“ zu. Den Charakter dieses gratis aufzudecken meint, Leben als (aggressiv verteidigte) Habe abzulösen gegen ein Leben als (göttliche) Gabe.

4.1 „Unterlaufen“ der Welt durch Auslöschen: Buddhismus

Das alte Indien der vielgefächerten hinduistischen Tradition kennt für das sich gleichgültig drehende Rad des Lebens keine andere Lösung als die Wiedergeburt, die den lastenden Kreislauf immer wieder von vorn beginnt. Aber Wiedergeburt meint auch neue Lebensgier und Wiedertod in unendlicher Reihung, kennt also keine Lösung.

Diese Empfindung enthält so viel Bedrohliches, daß der historische Gautama Buddha (5. Jh. v. Chr.) forderte, das Rad müsse einmal im Nichtsein stillstehen, das Leben ins Nichts verwehen: Nirwana. Freilich ist dann alles mitgelöscht, was „Ich“ heißt: Der Durst (nach Leben) stirbt mit dem Dürstenden. Das Leiden wird gelöscht, indem der Leidende verschwindet. So hat Indien selbst im Buddha als Antwort den Weg des inneren Sterbens entwickelt, allem Glück und aller Enttäuschung vorgängig, um das Unglück des Geborenseins zu entgiften. Sterben vor dem Sterben, lautet die Lösung Buddhas. Seine Askese arbeitet auf ein Verwehen hin als wirklich letzten Absprung, als „Flucht aus dem brennenden Haus“, wobei der Springende und Flüchtende sich endgültig auflöst.

Im Ur-Buddhismus geht es also um Erlösung von der als Unheil erfaßten Wiedergeburt in ein immer wieder angst- und gierbesetztes „Anhaften“. Achtfach ist der Pfad zur Heilung der Selbstdurchsetzung: Je mehr der Mensch seinen Durst nach Essen und Trinken, Geschlechtlichkeit, Macht zurücknimmt, desto rascher wird er „auswurzeln“. Diese asketische Konzentration auf sich selbst ist allerdings letztlich nur dem Mann möglich ist, weil sich in der Frau das „Anhaften“ ans Leben buchstäblich verkörpert – als der Trägerin immer neuer Geburten. Dem Asketen gelingt jedoch der Absprung in das Nichts, der Auszug aus der Wiedergeburt, überhaupt aus der Existenzangst. Das ist freilich nur über völlige Rücknahme des Selbst zu erreichen. Das jetzige Leben dient als Sprungbrett in das Glück, nicht mehr zu sein – was freilich als Glück nicht mehr erfahrbar ist. So vergleicht Schopenhauer plastisch „den Menschen, der im Tod besondere Aufschlüsse erwartet, einem Gelehrten, der einer wichtigen Entdeckung auf der Spur ist, doch im gleichen Augenblick, wo er die Lösung zu sehen meint, wird ihm das Licht ausgeblasen.“

Buddhistisch gesehen ist also Aggression zu „unterwinden“, zu unterlaufen. Das ist nicht nichts – aber gibt es noch eine andere Lösung als den Durst selbst auszutrocknen?

4.2 Antithesen zur Gewalt der Welt:Die Bergpredigt

Die Bergpredigt Jesu verdichtet entscheidende Elemente einer neuen Anthropologie, in der umgekehrt das Wasser des Lebens überreich zufließt.

Im Bild gleich geliebter Kinder eines einzigen Vaters entspringt das Konzept einer neuen Menschlichkeit gegen die triebhaft-natürliche Selbstbehauptung sowohl der Wir-Gruppe wie des Einzelegoismus. Die Forderung der Bergpredigt ist nichts Geringeres als diese „Vollkommenheit des himmlischen Vaters“ zu leben. Als entscheidendes Novum kann dabei gelten, dass der Appell an das forum internum, an die nicht von außen justitiable Gewissensentscheidung des einzelnen, zu einer bisher unbekannten Individualethik führte. Grundlage der Ethik ist nach wie vor zwar die Thora in der Gestalt einer Unterlassens-Ethik („nicht schaden“); sie wird aber in den Antithesen der Bergpredigt radikalisiert zu einer Tun-Ethik, die den einzelnen zu einem optimum virtutis aufruft: das Äußerste zu tun - für den anderen.

Zu diesem Äußersten gehört nicht einfach das Untersagen von Gewalt, sondern die Erkenntnis der Wurzeln der Gewalt: in der eigenen Seele, oder hebräisch formuliert: „im Herzen“. Daher rühren die scharfen Antithesen, die nicht einfach einen vollzogenen Mord verwerfen, sondern von seiner inneren, scheinbar harmlosen, weil „nur gedanklichen“ Vorbereitung ausgehen: „Wer seinem Bruder nur zürnt, wird dem Gericht verfallen sein.“ (Mt 5, 22) Was übertrieben scheint, nämlich den Ehebruch bereits mit dem „lüsternen Ansehen“ beginnen zu lassen (Mt 5, 28), ist freilich im Lichte der Psychologie und der unbewußten „Formatierungen“ völlig plausibel. Auch die ungeheure Forderung nach Verzicht auf Rache, ja, nach dem Hinhalten der anderen Wange (Mt 5, 39) verliert ihre scheinbare „Unmännlichkeit“, wenn man die unkontrollierbare Dynamik von Vergeltung erwägt. Allerdings ist Gewaltverzicht nur für den Betroffenen und seine Selbstrücknahme gefordert: Nicht davon gedeckt ist Tatenlosigkeit im Blick auf andere Opfer oder Leichtsinn im Blick auf mögliche Prävention. Zugleich verbietet sich eine rasche Verurteilung, ja sogar eine Beurteilung des anderen, wiederum in bezug auf sich selbst: Siebenmal siebzigmal ist ihm zu verzeihen, um im eigenen „Herzen“ die Überheblichkeit der Selbsteinschätzung zu unterbinden.

So sind die alttestamentlichen Anstöße im Evangelium - in der Theorie, gewiß nicht durchgängig in der Praxis - zur Fülle entfaltet: Auch der Feind ist im Liebesgebot enthalten. Den Kampfbegriff gibt es nur gegen die Sünde, gegen eigene und strukturelle Bosheit. Zwar gehört Gewalt zu diesem Äon, zeigt aber gerade darin dessen Verdorbenheit. Das Reich Gottes wird demgegenüber ohne Gewalt errichtet, ja seine erwählten Propheten, am Ende der Sohn liefern sich dieser Gewalt ohne Gegenwehr aus. Allerdings gibt es rechtmäßige Mittel der Verteidigung, vor allem im Blick auf den schutzbedürftigen Nächsten, aber Gewalt zum Zweck religiöser und anderer Selbstbehauptung ist verwerflich (Röm 12, 17ff; 1 Petr 2, 19ff).

4.2 „Wunderbarer Tausch“ (admirabile commercium):Erlösung von der aggressiven Angst

In der Art der Weltüberwindung liegt ein „Alleinstellungsmerkmal“ des Christentums. Setzen wir am Boden der Schuld an, wie Gen 3 sie kennzeichnet: Schuld ist die verschwendete, göttlich-große Möglichkeit, Sein Ebenbild zu sein, das eigene Antlitz rückhaltlos aus einem göttlichen Anfang zu schöpfen. Genesis 3 kündigt dem Geber des Lebens: Sie erzählt Böses, denn sie vermutet in ihm den großen Vorenthalter des eigentlichen Lebens. Augustinus generalisiert knapp: Schuld sei „die bis zur Herabsetzung Gottes gesteigerte Selbstliebe“ .

Hier setzt die Fleischwerdung Jesu an: „sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Mk 10, 44f), ebenso wird das „Blut des Bundes für viele vergossen“ (Mk 14, 24). Leben und Blut werden selbst in das Nichts hineingegeben, welches durch das ontische, mehr noch durch das personale Fehlverhalten des Menschen aufgerissen ist. Das Opfer Jesu wirft sich in diesen Tiefpunkt des Menschen, der die Schöpfung mit sich gerissen hat, wirft sich in das Nichts, um es zu unterfangen. Die Kenosis ist das Mysterium der freiwilligen „Vernichtung“ Gottes, wie sie der Philipperhymnus ausspricht. „In ihm, in einer jeden Psychologie und Metaphysik unzugänglichen Tiefe, ist der Wille erwacht, sich selbst zu ‚vernichtigen’ (...) So ist er hinabgestiegen. Nicht nur auf die Erde, sondern auf eine Tiefe zu, die wir nicht ermessen können; eine furchtbare Tiefe und Leere, von der wir erst dann ein Empfinden bekommen, wenn einmal wirklich, innerlich an uns herantritt, was die Sünde ist. Es ist die Vernichtung des Opfers, das sühnt, erlöst und neu beginnt.“

Dazu gehört auf eine selbst furchtbare Weise die Nichtannahme des Lebens Jesu durch viele damalige Zeitgenossen. Sein Opfer zielt auf ein admirabile commercium: „Der Herr zahlt für die Knechte.“ Das meint Verzicht Gottes auf seine Göttlichkeit, um die Ur-Relation wieder zu öffnen: Mit-Sein statt Ich-Sein, das Dasein als Gabe, nicht als Habe zu leben.

Das Kreuz ist, von der Seite der schuldhaften Welt her formuliert:

  • Rücknahme des „mörderischen“ Eigenlebens; stattdessen angstfreie Selbstvergessenheit: Leben in Proexistenz,
  • Heilung der bösartigen, vernichtenden Relationsbrüche des Individuums, der neue kommunikative Gabentausch = Gabe und Rückgabe des Lebens füreinander, im „fröhlichen Tausch“ des Dankens, gegenüber Gott, zwischen Mann und Frau, Geschwistern und Geschöpfen untereinander; Leben als Beziehung leben, aus der „reinen Gabe“ des göttlichen Ursprungs und des anderen Menschen.

Gegenwärtig ist freilich zu halten, wie furchtbar der Verzicht des Sohnes auf seine Sohnschaft war, wie es Balthasar leidenschaftlich in Worte faßt: „So beschloß ich mich zu geben, mich aus der Hand zu geben. Wem? Gleichviel. Der Sünde, der Welt, auch allen, dem Teufel, der Kirche, dem Himmelreich, dem Vater... Der schlechthin Preisgegebene zu sein. Der Leib, auf dem die Geier sich versammeln. Der Verzehrte, der Gegessene, Getrunkene, Verschüttete, der Hinvergossene. Der Spielball. Der Ausgenützte. Der bis zur Hefe Ausgepreßte, bis zur Unendlichkeit Zertretene, der Überfahrene, zu Luft Verdünnte, zum Ozean Verströmte. Der Aufgelöste. (...) Gott selber war in mir erschöpft.“ Peccatum factum pro nobis heißt das unausdenkbare Drama nach den Worten des Paulus (2 Kor 5,21), ebenso lakonisch wie entsetzlich wie tröstlich.

Denn tröstlich ist es eben: „Liebe vertreibt alle Furcht. Nicht einmal Asche bleibt von meiner Schuld aus jenem Blitz der Liebe, der alles verzehrt.“ In solcher Erfahrung wird angstvolle Schuld glücklich: hat sie doch den Löser gefunden. „Flut um Flut drängt sich aus Dir unversieglich, für immer, Fluten von Wasser und Blut, (...) wälzend sich über die Wüsten der Schuld, überreichlich bereichernd, jeden Empfang überbordend, jedem Begehren übergenug.“

4.4 Leben aus Fülle: in der Welt, nicht von der Welt

Der „Geschmack der Gnade“ meint die reine Gabe des (neuen) Lebens im Überfluß ohne Verpflichtung zur Rückgabe: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10). Erst der Gedanke der „reinen Gabe“ fügt dem Gedanken der bloßen Tauschlogik das entscheidend Neue der christlichen Umwandlung von Welt hinzu. Damit wird ein neues Gottesbild eingeleitet: Am „Leben in Fülle“ wird die Unvollkommenheit der Welt erkennbar, ja der Kultur überhaupt, die grundsätzlich auf Tausch, nicht aber auf dem vorbehaltlosen Geben aufruht. Gabe soll „supererogatorisch“ werden, über alles Verlangte und Erwartbare oder Geschuldete hinaus überfließend, sie ist nach dem Paradigma Jesu das Überflüssige selbst, reine „Huld“, Freude am Geben. „Wenn dich einer um eine Meile Weges bittet, gehe zwei mit ihm; will einer deinen Rock haben, gib ihm auch den Mantel.“ (Mt 5,40) Der Charakter solchen neu möglichen Gutseins läßt sich in die soziale Welt „übersetzen“, um die Tauschgerechtigkeit nochmals zu prüfen und zu überarbeiten. Dann ergäbe sich als wesentliches Korrektiv des Satzes do ut des der Satz: „gib, weil dir gegeben wurde.“ Damit ändert sich die punktgenaue Rückzahlung in eine Haltung freier, uneigennütziger Weiter-Gabe. Das deutlichste Beispiel dafür bildet die Liebe. Sie ist mit Gerechtigkeit nicht abzugleichen, sie besteht von beiden Seiten nur auf der Ebene des Ungeschuldeten, aus freien Stücken Gegönnten. Überfülle wirkt sich aus als Freiheit des Gewährens, als Selbstgabe: in der Welt, in die Welt. Existenz wird zur Pro-Existenz: zur Quelle für andere. „Wer an mich glaubt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh 7,38)

4.5 Überwindung der Todesangst der Welt

Noch eine letzte Folgerung: Überwindung der Welt muß auch den Tod überwinden und die antwortende Angst vor der Vergänglichkeit allen Fleisches. Nur das Christentum konnte Sätze formulieren im Unterschied zum Resonanzboden der philosophischen Antike, in denen das Fleisch zum Angelpunkt wird: caro cardo, anders: carne carnem liberans: „Er befreit das Fleisch durch das Fleisch.“

Dem Verständnis des Christentums nach inkarniert Gott nicht einfach als Es-Macht, als magische Mächtigkeit, als mythische Dynamik, sondern in einem menschlichen Antlitz. Und eben in diesem Fleisch vollzog sich etwas Unerhörtes, streckt sich nach konsequenter Entfaltung des Verbürgten: – nämlich auf das eigene Auferstehen aus dem Tod. Schon Ijob (13, 15) wirft das eigene Herz über die Mauer der Todesangst: „Wenn er mich auch tötet, so werde ich doch auf ihn hoffen.“ In dieser Überwindung der Todesangst liegt eine Freigabe des Lebens.

Aus dem unvermeidlichen Ende des Menschen wird christlich Voll-Endung. Vollendung meint tatsächlich: Aufhebung des Todes als Folge aggressiver Verstörung des Ganzen. Bleibend wird Geschaffenes befreit: „Auch die Schöpfung soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8, 20f) doxa, die Herrlichkeit der Menschen, soll erstmals wieder sichtbar werden, ebenbildlich ihrem Schöpfer im Sündelosen und Todlosen.

Diese große Eschatologie erfaßt alles, läßt nichts unbefreit, und die Apostelbriefe haben dafür kein treffenderes Wort als immer wieder doxa, Herrlichkeit. Die Apokalypse kleidet dasselbe Konzept in das Bild der vollendeten, leuchtenden Stadt. Überhaupt ist es ebenso bewegend wie nachdenkenswert, daß das Ziel aller Hoffnung in wechselnden Bildern purer Schönheit ausgesagt wird - Schönheit ist Ende der Wege Gottes. Doch ist Schönheit nur der Widerschein des eigentlich Großen: der Überwindung des Todes. Hierin liegt die höchste Konkretion der Hoffnung: „An den Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“, läßt sich auch „gegen alle Hoffnung auf Hoffnung hin glauben“ (Röm 4, 13f).

5. In der Welt, nicht von der Welt

Gerade große religiöse Wahrheiten bedürfen – ihrer Größe wegen – des vielleicht erschütternden Durchgangs durch Angst und Gegenwehr: Dann kann die Tröstung kommen, erst dann weiß der Geprüfte, was er weiß.

Ins Gespräch kommt christliche Weltauffassung, wenn sie weiß, wovon sie selber spricht: vom umfassend geängsteten, erlösungsbedürftigen und erlösten Menschen. Christentum darf den Unterschied zu anderen Religionen festhalten, demütig, wenn es ihn nicht als überheblichen, sondern als aufbauenden begreift. Es hat den Vorteil, dass es das Leben bejaht, das jetzige und auch das künftige, dass es kein Verlöschen als Lebensziel ansieht (was ja rückwirkend auch dieses Leben asketisch verschattet). Es hat zum Inhalt ein Antlitz, eine Person: das Antlitz des Sohnes, sein Eingehen in irdisches Unglück und seine verheißene Wendung des Ganzen in strahlendes Glück. Nihil humani alienum, nichts Menschliches ist ihm fremd.

So kann es eine - mit religiös anders geprägten Menschen - gemeinsame Achtsamkeit auf die Schöpfung, ein gemeinsames Bemühen um die Zucht der Leiblichkeit und den Kampf gegen aggressive Ängste aller Art geben, es kann auch gemeinsames Schweigen und Wahrnehmen des von innen aufsteigenden Friedens geben, überhaupt eine gemeinsame Reinigung der Sinne vor den anbrandenden Überreizungen - dennoch sind dies für den Christen erst die Sprossen auf einer Leiter, die nicht einfach zu einer göttlichen Natur, zu einem göttlichen Selbst, zu einem göttlichen All-Einen oder ins Nichts führt, sondern zum Antlitz des lebendigen Gottes. Das übrigens gleichzeitig ein bezaubernd menschliches Antlitz ist. Wieweit die Leitersprossen anderer spiritueller Haltungen an das Geheimnis Christi heranführen, ist nicht im vorhinein zu bestimmen, auch keineswegs auszuschließen. Aber ist Atmen wirklich schon Anbeten? Ist die bewundernswerte Abtötung des Schmerzes, deren die Yogis fähig sind, wirklich schon die Seligkeit einer Begegnung? Ist Buddhaschaft wirklich dasselbe wie die Fülle des Lebens, von der die Bergpredigt spricht?

In der Bergpredigt wird der Mensch nicht aufgelöst, er wird getröstet. Statt der endgültigen Löschung verheißt die Schrift Erhöhung. Gott ist nicht der Vernichter, der große Vorenthalter, sondern der Vollender der Identität. Selbst das „Fleisch“, das in allen Kulturen für Vergänglichkeit und Verwesung steht, wird zum „leidfreien Leib“ gewandelt. Die Auferstehung Jesu, worin er alle Wunden seiner Folterung an seinem verklärten Leibe behielt, ist das Zeugnis für die identische Bewahrung und Verklärung alles irdisch Gebrochenen, Verletzten und Zukurzgekommenen. Geschweige daß diese Lehre die Angst schürt, ist sie von Grund auf Überwindung aller Gegenwehr. „Laßt uns an diesem unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung festhalten, denn er, der die Verheißung gegeben hat, ist treu.“ (Hebr 10, 23)

Die Frage lautete: Ist ein Leben aus Fülle, ohne Angst und Gier, denkbar? Es gibt eine Hinführung zu einer Macht, die unsere Selbstbesessenheit mit dem Leben Gottes tauscht: Gratis e con amore heißt die neue Melodie des Daseins, nicht mehr Fressen und Gefressenwerden. Schon im Wasser der Taufe wird unsere angstvolle Abschottung überströmt, eingetaucht in flutendes Urleben. Gott ist Beziehung, glühende Selbstgabe. Er antwortet auf die Lebensgier freiwillig, souverän, mit geöffneter Hand (wir wissen sogar: mit geöffnetem Herzen). Freilich wird man nicht schlagartig angstlos, braucht wohl viele Anläufe dazu, um sich von Ihm lösen zu lassen. „Ich zähle mich, mein Gott, doch Du, Du hast das Recht, mich zu verschwenden.“ (Rilke) Glaube löscht das naturhafte Festkrallen an sich und gönnt Leben, jedem übergenug. O fröhlicher Tausch: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 10,8)

6. Der dreifache Rat des Evangeliums in der Erfahrung Hildegards von Bingen

Wem das neue angstfreie Leben zuströmt, der kann eine dreifache Gier, einen dreifachen Kampf gegen „Welt“ aufgeben: den Kampf um Reichtum, um Sex (als bloße Triebstillung), um Macht.Das Evangelium rät zur Umwandlung der Aggression in Kraft:

- durch Armut; um der großen inneren Gelöstheit willen: immer übergenug zu empfangen;
- durch Keuschheit; den „keusch“ kommt von conscius = bewußt; und so meint Keuschheit: wissen, wen man einzig liebt, um seiner selbst willen;
- durch Gehorsam; hören können auf die Stimme der Autorität: das ist die Stimme, die mich „wachsen läßt“ (augere); statt der Hörigkeit gegen den eigenen Launen.

Widerspricht das wirklich zu sehr unserer eigenen Natur? Trauen wir der Erfahrung Hildegards von Bingen, die als Benediktinerin diesen dreifachen Rat befolgt hat: „Wenn so der Mensch das Rechte ergreift, verläßt er sich selbst, kostet die Kraft und trinkt. Er wird davon gestärkt, wie die Adern eines Trinkenden voll Wein werden. Er wird nie maßlos, wie ein Trunkener von Wein außer sich gerät und nicht mehr weiß, was er tut. Auf diese Weise lieben die Gerechten Gott, an dem kein Überdruß sein kann, sondern nur Beseligung in reiner Dauer.“

Der Einsatz heißt allein: Sich selbst verlassen, aber selig verlassen. Es gibt ein Antlitz, einen Namen, den einzigen übrigens, der diesen Wein zu bieten hat: Christus medicus. Denn das Leben ist auf Gesundheit und Glück hin entworfen, nicht auf Unglück. „So hat die Liebe ihr Werk vollkommen gemacht, allmählich, doch deutlich und bestimmt, damit keine schwache Stelle bleibe, vielmehr jegliche Fülle darin sei.“ „Wenn jemand auf der Höhe triumphierenden Unterwerfens sich Gott unterstellt und den Satan überwindet, ragt er empor und genießt die Seligkeit des göttlichen Schutzes. Und wenn er, entbrannt zum Heiligen Geist, sein Herz erhebt und seinen Blick Gott zuwendet, dann erscheinen darin in heller Klarheit die seligen Geister und bringen Gott die Hingabe seines Herzens dar.“

In diesem Schutz richtet der Mensch sich auf, lebt auf, greift selber aus. Der Wille Gottes wandelt sich in Motorik. „Bei ihm finde ich den Reichtum der Gotteskräfte, so daß ich zuversichtlich aufsteige von Kraft zu Kraft.“ Es ist älteste Erfahrung: Solcher Dienst beugt nicht, sondern stärkt. Wen Gott berührt, der ist nicht Sklave, sondern Freier. „O wie schön sind deine Augen, wenn sie Göttliches verkünden.“ Es ist Heimkehr, nicht allein zu ihm, ebenso zu sich selbst - und zugleich Lösung der Welt. „Wenn der Mensch sein Herz zu Gott öffnet und es dadurch licht macht, wird alles grünen, was dürre ist. Korn und Wein wachsen durch diese geheime Kraft.“ Auch Korn und Wein des eigenen Herzens. Und das ist nicht als theologische Schreibtischerkenntnis oder gut versponnene Mystik gemeint, sondern das meint Alltag und ist an seinem Probierstein zu prüfen. Es ereignet sich Erstaunliches: Etwas anderes, nein, jemand anderer hat die Mitte des Denkens und Tuns besetzt, und die beladene Seele hat dort abgeladen, ist jetzt größer als zuvor. „O feuriger Geist, Lob sei dir! [...] Aus dir glüht das Herz der Menschen. Und die Brust umspannt alle Kräfte der Seele. Von da steigt der Wille auf und gibt der Seele den Wohlgeschmack.“ Die Sicherheit, mit der Hildegard das Gezogenwerden von Gott ausspricht, trägt das Siegel der Wahrheit an sich: Es gibt die Kraft von der anderen Seite, und man kann sich ihr, aus allen Wunden blutend, aber selig überlassen. „Vom Herzen aber geht Heilung aus, wenn das Morgenrot eines Neubeginns sichtbar wird. Unsagbar ist, was dann aufbricht an neuem Verlangen nach Gott und an Eifer für sein Werk, unsere Welt.“ „Und so erkennt der Mensch, der die Eingeborgenheit Seiner Wunder ist, Ihn mit dem Auge des Glaubens und umarmt ihn mit dem Kuß des Wissens.“ Ja, der Mensch hat einen Urtrieb nach Kuß und Umarmung: welche er immerwährend empfängt und welche er fröhlich weitergibt.

Das heißt: in der Welt sein, aber nicht von der Welt sein.


N. CMIS.: der originale Text ist in Deutsch.

WIE KÖNNEN WIR ALS LAIEN UND WIE LAIEN IM DIENST DER KIRCHE STEHEN?

Pierre Langeron

Eminenz, liebe Ewa, liebe Freundinnen und Freunde!

Zum Pfingstfest veröffentlichte die katholische französische Tageszeitung La Croix ein Dossier zum Thema: „Laien, die die Kirche tragen“. Auf der Titelseite prangt unter diesem Titel ein großes Foto mit einer älteren Dame, die in einer menschenleeren Kirche - seit nunmehr 25 Jahren, liest man - den Altar mit einem Blumenstrauß schmückt. Liegt in der Schockwirkung dieses Fotos bereits die Antwort auf die Frage, die wir heute nachmittag angehen? Ist dies der Dienst, den die Kirche von den Laien erwartet?

Führen wir die Frage ad absurdum: Ist eine Kirche ohne Laien vorstellbar? Vor einigen Jahren hatte in Florenz in den Uffizien ein kleines mittelalterliches Tafelgemälde meine Aufmerksamkeit geweckt, dessen Titel etwa „Die ideale Stadt“ lautete. Es zeigte ein hübsches Dorf mit seinen Häusern und seiner Kirche in einem friedlichen Landstrich; Männer und Frauen verrichten die im irdischen Gemeinwesen üblichen Tätigkeiten: Arbeiter beim Pflügen der Felder, Handwerker in ihren Werkstätten, Frauen in der Küche. Alles strahlte Heiterkeit und Harmonie aus und lag in einem sanften goldenen Licht da. Ein schönes Gemälde: ein wahrhaft christliches Gemeinwesen, nahezu vollendet. Ich vergaß zu erwähnen, dass auf diesem Bild ausschließlich Mönche und Nonnen zu sehen waren... Welch erstaunliches Bild von einer Kirche - ohne Laien, ohne Nachwelt! Doch eine Kirche ohne Laien wäre wie eine Schule ohne Schüler oder wie ein Krankenhaus ohne Kranke.

Lassen wir diese symbolische Illusion eines Künstlers aus dem Mittelalter und kommen auf diese Selbstverständlichkeit zurück: Es gibt Laien in der Kirche. Und da wir untersuchen sollen, wie die Laien der Kirche als Laien dienen können, betrachten wir zunächst unsere Versammlung, denn sie besteht nahezu ausschließlich aus Laien. Ja, die Mitglieder von Säkularinstituten sind und bleiben Laien. Ich verweise gern auf die treffende Formulierung unseres guten Freundes Kardinal Dorronsoro, er spricht von „vollwertigen Laien und vollwertigen Gottgeweihten“. Wir sind keine halben Laien und auch keine halben Geweihte. Darin liegt die große „Revolution“ der Apostolischen Konstitution Provida Mater ecclesia, von der Pater Beyer sprach. Vor ihrer Promulgation gab ein Laie, der sich für das gottgeweihte Leben entschied, den Laienstand auf und wurde zum Gottesmann; man konnte nicht zu gleich Laie und geweiht sein, nur entweder das eine oder das andere. Seit 1947 ist es in unseren Instituten möglich, Laie und zugleich geweiht zu sein, sich im geweihten Leben zu engagieren, ohne den Laienstand aufzugeben. Paul VI. sprach von der „doppelten Wirklichkeit unserer Gestalt“ . 100% Laien und 100% gottgeweiht - darin liegt das Wundervolle unserer Berufung, wenngleich dies für Mathematiker nicht ganz koscher klingt. Laien zu sein ist nicht nur eine Lebensform, ähnlich wie die der Ordensleute, die weltlichen Berufen nachgehen und in den gewöhnlichen Verhältnissen der Welt leben. Paul VI. erklärte: «Eure existenzielle und soziologische Lebenslage wird eure theologische Wirklichkeit, um das Heil zu verwirklichen und zu bezeugen.» Wir sind vollgültige Laien und vollgültig geweiht. Es ist aber nicht sicher, dass diese ontologische Wahrheit in unseren Pfarrgemeinden, und vielleicht sogar in unseren Instituten stets richtig verstanden und von allen Mitgliedern positiv gelebt wird.

Dass sich zwei Daseinsformen überlagern, ist im Übrigen kein Novum in der Kirche: Seit langem ist es selbstverständlich, dass ein Priester, der sich im geweihten Leben engagiert, vollgültiger Priester bleibt und zugleich vollgültiger Franziskaner, Jesuit oder Oblate der Unbefleckten Jungfrau Maria wird. Ich rufe die Priester unter Ihnen als Zeugen an, die kirchlichen Säkularinstituten angehören: Sie sind vollgültig Priester und vollgültig geweiht; ihre Weihe mindert ihren Priesterstatus nicht im geringsten.

Nachdem ich diese Aspekte Ihrer Berufung kurz angeschnitten habe, kommen wir nun zur eigentlichen Frage: Wie können wir als Laien und wie Laien im Dienst der Kirche stehen? Sie öffnet ein immenses Themengebiet, doch ich bin weder Theologe noch Historiker noch Soziologe, sondern Jurist, Professor für öffentliches Recht an der Universität Aix-Marseille in Frankreich. An meiner Hochschule engagiert, wie auch in Pfarrgemeinden, in meiner Diözese und in den Sozial- und Bildungswerken der Kirche. Als Gnade habe ich erlebt, dass ich neun Jahre im Büro der nationalen Konferenz der Säkularinstitute Frankreichs saß, einem Ort der geschwisterlichen Gemeinschaft und des konstruktiven Austauschs, der die treibende Kraft hinter der Verwirklichung zahlreicher Projekte ist, die unseren Instituten dienen.

Unser Thema gleicht einem gewaltigen Berg: Wir können vielerlei Aspekte davon fotografieren, ohne das Thema je erschöpfend zu behandeln. Auf unseren vorangegangenen Weltkongressen waren verschiedene dieser Aspekte bereits Gegenstand einer vertieften Betrachtung, so die Gegenwart in der Welt und die Welthaftigkeit. Die anderen Konferenzen zum Generalthema unseres Kongresses „Auf Gott hören auf den Pfaden der Geschichte: die Welthaftigkeit im Dialog mit der Weihe“ habe ich ebenfalls berücksichtigt. Daher möchte ich in der Zeit, die mir zur Verfügung gestellt wurde, auch um Ihre Aufmerksamkeit an diesem warmen Sommernachmittag nicht über Gebühr zu fordern, lediglich einige Punkte mit Ihnen herausarbeiten, die im aktuellen Umfeld besondere Aufmerksamkeit verdienen und einer Klarstellung bedürfen. Ich gliedere sie in zwei Bereiche: 1) Laien und Kirche, 2) die Laien und die kirchliche Sendungs, wobei ich mich vor allem auf das Lehramt des Zweiten Vatikanischen Konzils beziehe, dessen 50. Jahrestag wir voll Freude begehen.

I. Laien und Kirche

In den Mittelpunkt meines Vortrags möchte ich die Kirche und den Platz der Laien in der Kirche stellen. Ich bin kein Theologe und werde ich mich daher nicht an theoretische Analysen wagen, die meine Kompetenzen weit übersteigen würden, sondern lediglich verschiedene grundlegende Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils heranziehen.

Um zu verstehen, wie die Laien aufgerufen sind, der Kirche zu dienen, sollten wir zunächst eine grundlegende Frage klären: In welcher Form dienen wir der Kirche - von innen oder von außen? Oder genauer gefragt, wie ist unsere Stellung als Laien gegenüber der Kirche? Sind wir bloß externe Nutzer von spirituellen und materiellen Diensten, die uns die Kirche anbietet? Oder sind wir Akteure innerhalb der Kirche und leisten wir einen spezifischen Beitrag zu ihr? Um diese Frage zu beantworten, habe ich unsere Überlegungen in vier Unterkapitel gegliedert.

1) Was bedeutet es für Laien, als Laien im Dienst der Kirche zu stehen?

Um die Frage richtig zu verstehen, möchte ich von dem Begriff „Dienst» ausgehen und einen Blick auf seine Etymologie werfen.

Das Wort Dienst - auf Französisch service, Englisch service, Italienisch servizio und Spanisch servicio, stammt vom lateinischen servus, „Sklave, Knecht“. Der passive Aspekt wird hier deutlich unterstrichen: Dienen heißt Gehorchen. Der deutsche Begriff ist nah verwandt, besitzt aber eine andere Etymologie: Dienst und bedienen. Noch heute wird diese ursprüngliche Bedeutung in der Alltagssprache verwendet, so auch in den Bezeichnungen Dienstpersonal, Dienstantritt oder Militärdienst (der deutsche Begriff Wehrpflicht enthält zusätzlich die moralische Dimension der zu erfüllenden Pflicht). In dieser ersten Sichtweise erscheint der Laie, der der Kirche dient, zunächst als jemand, der der Autorität der Kirche gehorcht.

Setzen wir die Analyse des Wortes „Dienst“ fort. Der Begriff servus wurde um neue Bedeutungen erweitert, wie das zur Zeit des oströmischen Reiches, das nach dem Edikt von Thessaloniki im Jahr 380 offiziell zum Christentum übergetreten war, für viele Begriffe galt. So wie imperium zum ministerium wurde (davon leiten sich z.B. die ministères oder Dienste in der Kirche ab), so wurde auch servitium zu einer Funktion, einer Verantwortung im Dienst gegenüber anderen. Heute spricht man im Bereich des Bildungs-, Gesundheits- und Transportwesens vom Öffentlichen Dienst. Öffentlicher Dienst bedeutet in erster Linie Dienst an der Öffentlichkeit - auch wenn dies leider in der Praxis nicht immer zutrifft! In dieser zweiten Perspektive übernimmt der Laie, der der Kirche dient, eine aktive Funktion zu Gunsten der anderen Mitglieder der Gemeinschaft der Gläubigen.

„Dienst“ besitzt somit zwei Bedeutungen, die es zu unterscheiden gilt. Nehmen wir das Beispiel einer Schule: Die Kinder und ihre Eltern sind gewöhnlich die Konsumenten des vorhandenen Bildungs- und Dienstleistungsangebots. Doch in bestimmen Ländern und Kulturkreisen sind die Eltern und die lokalen Autoritäten außerdem schulische Akteure, die in pädagogischen, kulturellen und selbst finanziellen Fragen hinzugezogen werden. Es handelt sich dabei weniger um ein Teilen der Autorität als um eine Teilhabe an deren Ausübung in Gestalt eines spezifischen Beitrags.

2) Die Laien und die Struktur der Kirche

Im zweiten Teil unserer Reflexion befassen wir uns - ansetzend bei der zweifachen Bedeutung des Wortes „Dienst» - mit der Frage, wie die Kirche beschaffen ist, der die Laien als Laien zu dienen aufgerufen sind.

In der dogmatischen Konstitution Lumen Gentium, wird die Kirche zunächst als Mysterium dargestellt, das mit Hilfe von Bildern erläutert werden kann: Bauwerk, Tempel, Schoß, Familie, Acker Gottes, etc. Die Kirche wird auch als Volk Gottes, als Menge der Christgläubigen (christifideles) und Getauften bezeichnet. Die Kirche ist der mystische Leib Christi, eine spirituelle Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.

Doch sie ist auch eine sichtbare Versammlung, eine, die nach einem hierarchischen Grundsatz organisierte Gesellschaft : «Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren, hat Christus der Herr in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt, die auf das Wohl des ganzen Leibes ausgerichtet sind [...],damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, [...] zum Heile gelangen.»

Dies ist der bekannteste und sichtbarste Aspekt der Institution Kirche: die Unterscheidung in Geistliche und Laien. Wir wissen, dass die Gesamtheit des Klerus in drei Ebenen gegliedert ist: zunächst das Bischofskollegium mit dem Papst an der Spitze, dann die Priester als deren Mitarbeiter in der Ausübung ihrer Ämter, und schließlich die Diakone. Alle übrigen Mitglieder der Kirche sind Laien. Man ist entweder Geistlicher oder Laie: sive clericos, sive laicos, nach der traditionellen Formel. Ein Laie ist daher derjenige, der kein Geistlicher ist. Diese negative Definition des Laien rechtfertigt ein gewisses klerikales Verständnis von Kirche, das unsere Geschichte über Jahrhunderte geprägt hat und wonach unter Kirche zu allererst die Geistlichen zu verstehen sind. In der alltäglichen Sprache finden sich viele Spuren hiervon wieder: So verwendet das Französische zum Beispiel noch immer häufig die Bezeichnungen gens d'Eglise („Kirchenvolk“) oder biens d'Eglise („Kirchengut“). In gewissen sonntäglichen Versammlungen wird in den Fürbitten erst die Kirche und ihre Hirten und schließlich die Gläubigen erwähnt, als seien diese nicht ebenfalls Teil der Kirche.

Dieser institutionelle Ansatz hat zu einem etwas sonderbaren Kirchenverständnis geführt, zu einem Aufbau in Gestalt einer klar strukturierten Pyramide, bestehend aus den drei bereits erwähnten Ebenen. Unterhalb dieser Pyramide und von ihr getrennt folgt die gestaltlose Masse der Gläubigen. Und daneben, etwas komplexer, die Gesamtheit aller Ordensleute. Zur Stellung der Laien in der Kirche hatte sich ein Papst sehr deutlich geäussert: «Jeder sollte wissen, dass die Kirche eine ungleiche Gesellschaft ist, in der Gott die einen zum Befehlen und die anderen zum Gehorchen bestimmt hat. Die ersten sind die Geistlichen, und die zweiten die Laien.» Diese Aussage stammt von Gregor XVI. um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie unterstreicht für die Laien die bereits erwähnte Grundbedeutung des Wortes „Dienst“ sehr deutlich: Dienen bedeutet Gehorchen.

In dieser Logik reduziert sich der Dienst der Laien auf den Dienst an der Institution Kirche, ein Phänomen, das von vielen Soziologen als Klerikalismus bezeichnet wurde. Seit dem abendländischen Mittelalter hatten die Päpste selbst diese grundlegende Autorität des Klerus über die Laien und die gesamte Zivilgesellschaft in Anspruch genommen. Diese wird am besten durch die „Zwei-Schwerter-Theorie» veranschaulicht, die u.a. auf den Hl. Bernhard von Clairvaux zurückgeht: «[...] In dieser ihrer Gewalt [sind] zwei Schwerter (d.h. zwei Gewalten), nämlich das geistliche und das zeitliche. Beide also sind in der Gewalt der Kirche, nämlich das geistliche Schwert und das materielle. Jedoch ist dieses für die Kirche, jenes aber von der Kirche zu handhaben. Jenes in der Hand des Priesters, dieses in der Hand der Könige und Soldaten, aber mit Zustimmung des Priesters und nach dessen Anordnung. Es gehört sich aber, daß ein Schwert unter dem anderen ist und sich die zeitliche Autorität der geistlichen Gewalt unterwirft» .

Diese offizielle Aussage stammt von Papst Bonifaz VIII. zu Beginn des 14. Jahrhunderts und veranschaulicht diesen Willen (und häufig die Praxis) der Kirche, gegenüber der weltlichen Gesellschaft und den Tätigkeiten der Laien ihre Macht auszuüben. Hier steht die Vorstellung von Gehorsam im Vordergrund, die Aktivität der Laien kann nur im Rahmen und unter der Autorität von Geistlichen ausgeübt werden.

Dieser aus dem Mittelalter stammende Ansatz, der in der politischen Philosophie mit Bezugnahme auf Augustinus als „augustinisme politique“ bzw. „sacerdotalisme“ bezeichnet wird, hat unsere abendländische Geschichte und Kultur des Okzidents stark geprägt, vielleicht sogar bis auf den heutigen Tag. Es folgen einige Beispiele:

- Im Mittelalter veranlassten Päpste Krönungen und Absetzungen von Königen und Kaisern, wodurch z.B. die deutsche Geschichte und die Geschichte Siziliens stark geprägt wurden.
- Unter den Verfehlungen, die der selige Papst Pius IX. 1864 in seinem berühmten Syllabus anprangerte, gehörte jegliche Trennung von Kirche und Staat, denn dadurch verlöre die Kirche ihre Macht und ihren Einfluss auf den Staat (55).
- Die Gesellschaft Québecs lebte lange Zeit in starker Abhängigkeit vom Klerus, selbst in rein persönlichen und familiären Belangen; in diesem Zusammenhang ist heute mitunter kritisch von der „Grande noirceur» (der Zeit der „großen Finsternis“) die Rede.
- Das Italien der Nachkriegszeit war durch die zwei großen Parteien Democrazia Cristiana und die Kommunistische Partei charakterisiert. Die italienischen Bischöfe zögerten nicht, ihre Gläubigen aufzuklären, indem sie ihnen anlässlich der Wahlen eindringlich ins Gedächtnis riefen, dass sie in einer Demokratie lebten und Christen waren.
- Muss daran erinnert werden, dass die Aufgabe der Katechese über lange Zeit als Monopol Klerikern und Ordensleuten vorbehalten war, während selbst entsprechend ausgebildete Laien nicht als verlässlich galten?

Man könnte hinzufügen, dass heute in bestimmten Ländern alter christlicher Tradition, in denen die die Kirche kontinuierlich an Bedeutung verliert, eine Wiederkehr dieses Klerikalismus festzustellen ist. Für junge Priester z.B. ist dies eine verständliche Antwort auf das Bedürfnis, eine bedrohte Identität zu stärken. Für andere kann hiermit die Hoffnung auf die Rückkehr zu einer Hierarchie in Pyramidenform verbunden sein, in der die Laien wieder zu Gläubigen werden, die lediglich Ausführende sind.

Abschließend ist festzustellen, dass dieses klerikale Verständnis von Kirche in den Ländern, in denen das Christentum erst später Fuß fasste, in anderer Weise umgesetzt wurde. Die westlichen Missionare übernahmen es häufig aus Überzeugung oder Notwendigkeit. Umgekehrt gilt mitunter, dass es Laien waren, die verstärkt die Flamme der Kirche hoch gehalten haben, so in Korea oder Japan.

Wie dem auch sei, eine der vordringlichsten Aufgaben der Laien besteht in deren Beteiligung an den diversen Aktivitäten ihrer Pfarrgemeinden, Diözesen und Bewegungen. Doch ist dieser Dienst der einzige und wichtigste für die Laien?

3) Laien und Kirche gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Eingangs haben wir uns die beiden Bedeutungen von «Dienst» vor Augen geführt und danach einige vereinfachte Beispiele dazu betrachtet. Wenden wir uns nun der Ekklesiologie zu, die vom Konzil sehr klar dargelegt wurde. In Lumen Gentium wird der Grundsatz des hierarchischen Aufbaus der Kirche zwar angesprochen, doch er wird als eine communio der Dienste zwischen Geistlichen und Laien interpretiert. Einerseits gilt: «Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, stehen im Dienste ihrer Brüder» . Andererseits stehen die Laien im Dienst der gesamten Kirche: «Die geweihten Hirten aber sollen die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern. Sie sollen gern deren klugen Rat benutzen, ihnen vertrauensvoll Aufgaben im Dienst der Kirche übertragen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln lassen [...]» . Die Pyramide besteht natürlich fort, doch sie ist nunmehr in einen Kreislauf von Beziehungen und wechselseitigen Diensten eingebunden.

Der selige Johannes Paul II. führt dieses Bild der Kirche als communio in seinem nachsynodalen Apostolischen Schreiben über die Laien näher aus: «Genauer betrachtet stellt die communio der Kirche sich als „organische communio“ dar, ähnlich der eines lebendigen und wirkenden Leibes: Sie ist gekennzeichnet von der Koexistenz der Verschiedenheit und der Komplementarität der Berufungen, Lebenssituationen, Diensten, Charismen und Verantwortungen. Dank dieser Verschiedenheit und Komplementarität steht jeder Laie in Beziehung zum gesamten Leib und bringt seinen Beitrag in ihn ein.»

In Bezug auf die Säkularinstitute kommentierte Paul VI.: «Die Säkularinstitute sind in der Perspektive zu sehen, die das Zweite Vatikanische Konzil gestaltet hat, um die Kirche vorzustellen: als lebendige Wirklichkeit, sichtbar und gleichermaßen spirituell, [...] aus vielen verschiedenen Mitgliedern und Organen bestehend, doch im Inneren geeint und miteinander kommunizierend, denn sie haben am selben Glauben, am selben Leben, an der selben Sendung, an der selben Verantwortung Teil, unterscheiden sich jedoch durch eine besondere Gabe, ein Charisma des lebensspendenden Geistes [...].»

Zu dieser Berufungs- und Dienstgemeinschaft gesellt sich in Lumen Gentium die Gleichheit aller Christgläubigen: Es gibt daher nur ein einziges von Gott auserwähltes Volk, denn «gemeinsam ist die Würde der Glieder aus ihrer Wiedergeburt in Christus, gemeinsam die Gnade der Kindschaft, gemeinsam die Berufung zur Vollkommenheit. [...] So waltet doch unter allen eine wahre Gleichheit.»

Nach der communio der Dienste und Gleichheit aller Gläubigen steht nun noch die Sendung der Kirche aus. Das Konzilsdekret zum Laienapostolat erläutert: «Es besteht in der Kirche eine Verschiedenheit des Dienstes, aber eine Einheit der Sendung. Den Aposteln und ihren Nachfolgern wurde von Christus das Amt übertragen, in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten. Die Laien hingegen, die auch am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi teilhaben, verwirklichen in Kirche und Welt ihren eigenen Anteil an der Sendung des ganzen Volkes Gottes.» Die Laien stehen demnach wie die Geistlichen voll im Dienst der Sendung der Kirche, jeder gemäß seinem Status. Darauf kommen wir im zweiten Teil des Vortrags noch näher zu sprechen.

Nun eine letzte Anmerkung zur Beziehung zwischen den verschiedenen Gliedern der Kirche. Man muss zugeben, dass die reformierte Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzile ihrerseits zu Übertreibungen geführt hat, diesmal allerdings in das entgegen gesetzte Extrem umschlagend. Indem sie die hierarchische Ordnung der Kirche vergaßen oder herabminderten, haben manche Laien gewissermaßen die gesamte Kirche laizisiert. Dies führte sogar, z.B. in Österreich, bis hin zu Aussagen wie: „Wir sind die Kirche“ . Eine derartige Forderung ist aber ebenso falsch, denn es gibt keine Kirche ohne Geistliche! Mit großem Feinsinn antwortete Papst Benedikt XVI. bei seiner letzten Deutschlandreise: „Wir alle sind die Kirche“, also Laien und Geistliche gemeinsam. ist Diese Entwicklung ist eine Stufe tiefer auch in Pfarrgemeinden vorzufinden, denn mir sind Situationen in Frankreich bekannt, wo Priester keine Entscheidung ohne die Zustimmung der Laien treffen: Die gesamte Gemeinschaft übt die seelsorgerische und materielle Verantwortung aus. Zugegeben, die Berufungskrise und der gravierende Priestermangel ermutigen mitunter zu derartigen Alternativlösungen. Zudem gibt es in einigen Kontinenten extrem weitläufige Pfarrgemeinden und Diözesen mit nur wenigen Priestern: Es ist verständlich, dass hier Laien und ebenso Mitglieder von Säkularinstituten größere Verantwortung in der Seelsorge übernehmen. Sind diese Praktiken Anlass zur Sorge? In der Soziologie gibt es das Gesetz des gesunden Menschenverstands, das Gesetz des Pendels, das besagt: Eine übermäßige Bewegung in eine Richtung erzeugt eine fast ebenso übermäßige Bewegung in die Gegenrichtung, und mit der Zeit nähert sich das Pendel mehr und mehr der Ruhelage an. Vielleicht ist diese Bewegung in die Gegenrichtung sogar notwendig, um nicht zu schnell wieder zurückzufallen.

4) Die tria munera

Um die Stellung und den Dienst der Laien in der Kirche entsprechend verstehen zu können, gilt es noch einen wesentlichen Aspekt zu betrachten, der mit dem Fachbegriff der tria munera bezeichnet wird. Kraft ihrer Taufe haben die Laien am dreifachen Amt Christi und der Kirche teil: an deren Priesteramt, Prophetenamt und Königsamt . Das Zweite Vatikanische Konzil und das Apostolische Schreiben Johannes Pauls II. zu den Laien erläutern dies näher:

- Zum Priesteramt: «Es sind nämlich alle ihre Werke, Gebete und apostolischen Unternehmungen, ihr Ehe- und Familienleben, die tägliche Arbeit, die geistige und körperliche Erholung, wenn sie im Geist getan werden, aber auch die Lasten des Lebens, wenn sie geduldig ertragen werden, „geistige Opfer, wohlgefällig vor Gott durch Jesus Christus“ (1 Petr 2,5). Bei der Feier der Eucharistie werden sie mit der Darbringung des Herrenleibes dem Vater in Ehrfurcht dargeboten. So weihen auch die Laien, überall Anbeter in heiligem Tun, die Welt selbst Gott.» Halten wir die drei Elemente fest: zentrale Stellung der Eucharistie, spirituelle Dimension des gesamten täglichen Lebens und schließlich consecratio mundi, die Weihe der Welt; dieses Schlüsselkonzept, das unser gesamtes Leben und unsere Sendung als Laien in der Kirche erhellt, ist leider wenig bekannt und wird nicht immer entsprechend verstanden.
Als Mitglieder von Säkularinstituten richtet Paul VI. folgende Worte an uns: «Für Ihre doppelte Sendung wird sich ein unendliches Feld öffnen: Auf der einen Seite Ihre persönliche Heiligung, Ihre Seele, und auf der anderen die consecratio mundi, die wie Sie wissen heikle und verlockende Aufgabe, die Welt der Menschen, so wie sie ist, mit ihrer unruhigen und blendenden Aktualität, ihren Tugenden und Leidenschaften, ihren Möglichkeiten zum Guten und ihrer Anziehung für das Böse.»

- Zum Prophetenamt: Die Laien nehmen diese Funktion in erster Linie durch das Zeugnis ihres Lebens wahr, «damit die Kraft des Evangeliums im alltäglichen Familien- und Gesellschaftsleben aufleuchte» . Sie üben sie auch durch das Wort aus, in ihren Familien, am Arbeitsplatz, in ihren sozialen und seelsorgerischen Tätigkeiten. Mit der entsprechenden Ausbildung können sich die Laien in vollem Umfang an den Aktivitäten im Bereich der Katechese beteiligen. Außerdem haben sie die Möglichkeit, Aufgaben der spirituellen Begleitung zu übernehmen, da diese Funktion nicht den Geistlichen vorbehalten ist: Man denke zunächst an alle Ordensleute, die in ihren Kongregationen Verantwortung übernehmen, aber auch an Laien wie Chiara Lubich, die Gründerin der italienischen Focolari-Bewegung, Marthe Robin, die Gründerin der Foyers de charité in Frankreich, oder Jean Vanier, den Gründer der Organisation Arche in Kanada.

- Zum Königsamt: Es ist Aufgabe der Laien zur Errichtung des Königreichs Gottes auf Erden beizutragen. «Außerdem sollen die Laien, auch in Zusammenarbeit, die Einrichtungen und Verhältnisse der Welt, da wo Gewohnheiten zur Sünde aufreizen, so zu heilen suchen, daß dies alles nach der Norm der Gerechtigkeit umgestaltet wird und der Ausübung der Tugenden eher förderlich als schädlich ist. Auf diese Weise erfüllen sie die Kultur und die menschlichen Leistungen mit sittlichem Wert. Gleichzeitig wird dadurch das Ackerfeld der Welt besser für den Samen des Gotteswortes bereitet, und es öffnen sich der Kirche weiter die Tore für die Verkündigung des Friedens in der Welt.»

Zum Abschluss dieses ersten Punktes zu Laien und Kirche sollten wir uns Folgendes ins Gedächtnis rufen: Der Laienstand ist in der Kirche nicht allein ein soziologischer Status oder eine schlichte Tatsache. In Christifïdeles laici entwirft der selige Johannes Paul II. eine großartige Theologie des Laientums. Durch den Verweis auf das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg unterstreicht der Heilige Vater, dass der Laienstand kein negativer Status ist (Laie ist, wer kein Geistlicher ist), sondern ein positiver Zustand, in dem jeder einen besonderen Ruf seitens des Meisters des Weinbergs empfängt: es sind «alle Laien, Männer und Frauen, gerufen, in seinem Weinberg zu arbeiten». Es gibt eine Berufung der Laien, wie es eine Berufung der Priester oder Ordensleute gibt. Diese Berufung richtet Gott an alle Laien - dennoch muss man von ihr wissen, sie vernehmen und auf sie antworten. Sind wir uns dieser Berufung entsprechend bewusst, selbst in unseren Instituten? Können wir eventuell anregen, dass im Anschluss an das Priesterjahr, das 2009/2010 begangen wurde, in der Universalkirche in Kürze ein Jahr des Laientums ausgerufen werden sollte? Was meinen Sie? Vielleicht wäre dies ein Projekt, das unsere Institute unterstützen könnten.

II. Die Laien und die Sendung der Kirche

Nachdem wir die Stellung und den Status der Laien in der Kirche untersucht haben, betrachten wir nun in unserer gemeinsamen Reflexion den Anteil der Laien an der Sendung der Kirche. Was sind der Gegenstand und die Besonderheit ihrer Teilhabe und welches ist die Tragweite ihrer Verantwortung?

Ich bitte Sie noch einmal um Nachsicht für meine nicht vorhandene Kompetenz in der Theologie. Ich werde mich daher, um die Sendung Christi und der Kirche in ihrer universalen, kosmischen Tragweite darzustellen, auf ein Zitat des Hl. Paulus beschränken: Der Vater «hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat: Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist.» Das Erlösungs- und Heilswerk ist in der Tat das große Mysterium unseres christlichen Glaubens.

Die Sendung der Kirche

Das Konzil legt diese Sendung der Gesamtkirche in aller Deutlichkeit dar: «Das Erlösungswerk Christi zielt an sich auf das Heil der Menschen, es umfaßt aber auch den Aufbau der gesamten zeitlichen Ordnung. Darum besteht die Sendung der Kirche nicht nur darin, die Botschaft und Gnade Christi den Menschen nahezubringen, sondern auch darin, die zeitliche Ordnung mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen und zu vervollkommnen» . Dieser Text ist für unser Thema wesentlich, denn er enthält in Punkt 5 die Kernaussage des Dekrets über das Laienapostolat und verdient es, im Detail kommentiert zu werden. Der Aufbau des Texts lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Ziel: das Erlösungswerk Christi; damit ist die teleologische und eschatologische Dimension der Sendung Christi und der Kirche als allemeines, grundlegendes und umfassendes Ziel gemeint.
  • Zwei komplementäre Wege führen an dieses Ziel: das Heil der Menschen und die Erneuerung der weltlichen Ordnung; darauf kommen wir in Kürze zurück.
  • Schließlich die zwei Gruppen von Akteuren: Der Text unterscheidet zwischen der Verantwortung der Geistlichen und der Verantwortung der Laien: Die Aufgabe der Geistlichen besteht in erster Linie darin, den Menschen mit Hilfe des Predigens und der Sakramente die Botschaft Christi und seine Gnade zu vermitteln, während die Aufgabe der Laien vor allem darin besteht, die weltliche Ordnung mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen und zu vollenden.

Anhand dieses Textes betrachten wir nun den Dienst der Laien in der Kirche näher. Ich greife drei Elemente heraus, die für unsere Reflexion nützlich sind.

1) Die gemeinsame Sendung der gesamten Kirche

Es gibt nur eine Sendung, doch sie verfolgt zwei verschiedene Zielsetzungen. Es unterscheiden sich die Zuständigkeitsbereiche und die Mittel, doch es gibt nur ein einziges Ziel. Das Dekret über das Laienapostolat trifft diesbezüglich folgende Aussage: «Beide Ordnungen, die man gewiß unterscheiden muß, sind in dem einzigen Plan Gottes so verbunden, daß Gott selbst in Christus die ganze Welt als neue Schöpfung wieder aufnehmen will, im Keim hier auf Erden, vollendet am Ende der Tage.»

Dies scheint mithin klar zu sein, doch zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wurde die Sendung der Kirche nicht immer auf diese Weise wahrgenommen. So ist der katholischen Kirche im Lauf der letzten Jahrhunderte immer wieder große Feindseligkeit begegnet: Verfolgungen in Japan, Vietnam und China, die Französische Revolution, der deutsche Kulturkampf, die mexikanische Guerra Cristera, der italienische Antiklerikalismus, der spanische Bürgerkrieg, etc. Die Kirche hat sich häufig auf ihre sprirituelle Sendung zurückgezogen: Liturgie, Sakramente, Gebet, Andacht, Pilgerfahrten, Familien- und Sexualmoral. Ein großer Jesuit, Michel de Certeau, sprach sogar von einer „Kirche außerhalb der Geschichte» - was weniger für die Missionsländer galt.

Dieser restriktive Herangehensweise an das christliche Leben besteht weiter fort. Heute gibt es z.B. in diversen Kontinenten sehr viele praktizierende, gläubige Katholiken, doch die Menschen reduzieren das christliche Leben mitunter auf die rein spirituelle und sakramentale Dimension. Im März 2012 nahm unser Papst Benedikt XVI. während seines Flugs nach Mexiko hierauf Bezug. Mit dem großen Mut zur Wahrheit, der ihn auszeichnet, wagte er es, in diesem Zusammenhang von Schizophrenie zu sprechen: «In Lateinamerika, aber auch anderswo ist bei nicht wenigen Katholiken eine gewisse Schizophrenie zwischen individueller und öffentlicher Moral zu erkennen: Persönlich, im individuellen Bereich, sind sie katholisch, gläubig, doch im öffentlichen Leben folgen sie anderen Wegen, die nicht den großen Werten des Evangeliums entsprechen, welche für die Gründung einer gerechten Gesellschaft notwendig sind. Somit ist es notwendig, zur Überwindung dieser Schizophrenie zu erziehen, nicht nur zu einer individuellen Moral, sondern zu einer öffentlichen Moral zu erziehen, und dies versuchen wir durch die Soziallehre der Kirche zu tun.»

Ich möchte auch ein persönliches Beispiel anführen. Ein Mitglied meines Instituts stammt von den Philippinen und ist in Manila in einem großen Unternehmen beschäftigt. Eines Tages wurde eine Steuerprüfung eingeleitet, und das Unternehmen hatte eine hohe Sanktion zu zahlen. Der Steuerfahnder sagte sehr deutlich, dass diese Sanktion vermeidbar wäre, wenn er einen gewissen Betrag diskret in Geldscheinen ausgehändigt bekäme, über die Summe ließe sich verhandeln. Er wiederholte dies immer wieder, bis er die Geduld verlor und sagte: „Wir müssen unbedingt vor 17 Uhr zum Abschluss kommen, denn ich muss anschließend in die Kirche zum Kreuzweg und zum Gottesdienst!“.

Um die Sendung der Kirchen und somit der Laien präzise zu beschreiben, greift das Konzil die Themata des Augustinus auf und erinnert ausdrücklich an dieses «Ineinander des irdischen und himmlischen Gemeinwesens» : «Diese Spaltung bei vielen zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben gehört zu den schweren Verirrungen unserer Zeit. [...] Man darf keinen künstlichen Gegensatz zwischen beruflicher und gesellschaftlicher Tätigkeit auf der einen Seite und dem religiösen Leben auf der anderen konstruieren. Ein Christ, der seine irdischen Pflichten vernachlässigt, versäumt damit seine Pflichten gegenüber dem Nächsten, ja gegen Gott selbst [...]» . Die Text ermutigt die Christen anschließend zu einer lebendigen Synthese zwischen beiden Bereichen, dem spirituellen und dem welthaften. Die Kirche und ihre Sendung können allein in der Perspektive der Inkarnation verstanden werden.

2) Das Heil der Menschen

Hinter diesem scheinbar banalen Ausdruck verbirgt sich eine große Wahrheit, die das Konzil erneut ins Licht gerückt hat. Zuvor war es in der Kirche üblich gewesen, mehr von den Seelen als von den Menschen zu sprechen. Ist Ihnen dieser kleine Unterschied in der Wortwahl aufgefallen? In der Vergangenheit war häufig die Rede davon, die Seelen zu retten und die Seelen zu Gott zu führen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil spricht die Kirche vor allem von den Menschen. Mit dieser Frage der Wortwahl steht und fällt die gesamte christliche Anthropologie. Die Kirche unterstreicht mit Nachdruck daran, dass der Mensch «in Leib und Seele einer» ist. Der selige Johannes Paul II. hat dieses Mysterium wohl am besten beschrieben, mit den ihm eigenen wortgewaltigen Formulierungen. Bereits in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis hält er eindringlich fest: «Es geht also hier um den Menschen in seiner vollen Wahrheit, in all seinen Dimensionen. Es geht nicht um einen „abstrakten“ Menschen, sondern um den realen, „konkreten“, „geschichtlichen“ Menschen [...], [den Menschen, der] der Weg der Kirche ist» .

Um die Tragweite dieser Aussage zu erfassen, möchte ich zwei Beispiele heranziehen, die vielleicht extrem sind, doch aus diesem Grund sehr aufschlussreich. Vor einigen Jahren erfuhr ich in einer katholischen Zeitschrift von einer Missionskongregation, die Ende des 19. Jahrhunderts in Kalkutta tätig war. Ihre Sendung bestand vorwiegend darin, Kinder zu taufen, die auf den Straßen starben. Die für das Generalat verfassten Berichte führten regelmäßig die Zahl der Kinder auf, die auf diese Weise in den Himmel gelangten. Ja, die Seelen wurden gerettet. Doch ich fragte mich, ob nicht zuvor die Leiber gerettet und diese Kinder mit Nahrung versorgt hätten werden sollen. Ein Jahrhundert später versuchte die selige Mutter Theresa nicht, alle Sterbenden zu taufen, die sie aufnahm, sondern pflegte sie in Kalighat.

Mein zweites extremes Beispiel. Unlängst schilderte mir in der Hochschulgemeinde, in der ich seit 25 Jahren tätig bin, ein überaus gläubiger Student seine Haltung gegenüber jungen Aids-Kranken: «Sie haben gesündigt und müssen zur Beichte gehen: wenn sie sterben, egal, doch ihre Seele wird gerettet werden». Schreckliche Worte, scharf wie ein Schwert, eines Menschen, der in seinen Überzeugungen gefangen ist.

Die Kirche muss folglich „jeden Menschen und den ganzen Menschen“ berücksichtigen, wie die berühmte Formulierung von Paul VI. lautet . Der Mensch steht im Mittelpunkt ihrer Sendung und ihrer seelsorgerischen caritas.

3) Die zeitliche Ordnung durch den Geist des Evangeliums vollenden

Der Text, den wir kommentieren, nennt für die Sendung der Kirche drei Bereiche:

  • die Gnade Christi verbreiten: Diese Teilhabe am Priesteramt Christi obliegt natürlich den Geistlichen, vornehmlich mit Hilfe der Sakramente;
  • den Menschen die Botschaft Christi bringen: Diese Teilhabe am Prophetenamt Christi teilen sich Geistliche und Laien;
  • die gesamte weltliche Ordnung erneuern und mit dem Geist des Evangeliums durchdringen und vollenden: Diese Teilhabe am Königsamt Christi kommt fast ausschließlich den Laien zu. Dieser letzte Punkt wird unsere Reflexion noch nähren und verdient daher eine vertiefte Betrachtung.

Das Konzil erklärt: «Die Laien aber müssen den Aufbau der zeitlichen Ordnung als die gerade ihnen zukommende Aufgabe auf sich nehmen. [...] Alles, was die zeitliche Ordnung ausmacht, die Güter des Lebens und der Familie, Kultur, Wirtschaft, Kunst, berufliches Schaffen, die Einrichtungen der politischen Gemeinschaft, die internationalen Beziehungen und ähnliches mehr, sowie die Entwicklung und der Fortschritt von alldem sind nicht nur Hilfsmittel zur Erreichung des letzten Zieles des Menschen, sondern haben ihren Eigenwert, den Gott in sie gelegt hat [...].»

Für Gott, die Kirche und jeden unter uns besitzt die Welt somit einen Eigenwert, einen Wert an sich. Sind wir uns dessen zur Genüge bewusst? Allzu oft wurde die Welt von der Kirche als negativ wahrgenommen, als Reich des Dämons und der Sünde: «Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat [...]. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, [...] darum hasst euch die Welt [...] dass der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.» Dies hieße das zu vergessen, was ebenfalls Johannes zu uns gesagt hat: «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird» .

Gaudium et spes entwirft bereits im Vorwort ein großartiges und herrliches Weltbild, das beide Aspekte miteinander aussöhnt: «Vor seinen Augen steht also die Welt der Menschen, das heißt die ganze Menschheitsfamilie mit der Gesamtheit der Wirklichkeiten, in denen sie lebt [...]; die unter die Knechtschaft der Sünde geraten, von Christus aber, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch Brechung der Herrschaft des Bösen befreit wurde; bestimmt, umgestaltet zu werden nach Gottes Heilsratschluß und zur Vollendung zu kommen» .

Diese vom Konzil entworfene Sichtweise erhellt die besondere Verantwortung der Laien in der Kirche sehr dezidiert: «Sache der Laien ist es, kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen. [...] Dort sind sie von Gott gerufen, ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt gewissermaßen von innen her beizutragen [...]. Ihre Aufgabe ist es also in besonderer Weise, alle zeitlichen Dinge, mit denen sie eng verbunden sind, so zu durchleuchten und zu ordnen, daß sie immer Christus entsprechend geschehen und sich entwickeln und zum Lob des Schöpfers und Erlösers gereichen».

Die Soziallehre der Kirche

Wie gelingt es nun, die Welt nach dem Evangelium umzugestalten, um die schöne Formulierung des seligen Johannes Paul II. aufzugreifen? Einerseits widmet sich das Lehramt in erster Linie dem Familienleben und der Sphäre des Privatlebens eines Jeden unter uns, andererseits betont es gleichermaßen deren kollektive, gesellschaftliche Tragweite. Und in diesen Zusammenhang sind die Rolle und Bedeutung der Soziallehre der Kirche zu betrachten. Seit über einem Jahrhundert erhellt nämlich die Kirche als Mutter und Lehrmeisterin, Mater et Magistra, wie der selige Johannes XXIII. sagte, unseren Blick und lenkt unser Handeln als Laien in der Welt. Dieses Lehramt wurde in seinen Anfängen durch die Enzyklika Rerum Novarum von Leo XIII. (1891) geprägt und hat sich seither beträchtlich weiterentwickelt. Heute deckt es fast sämtliche Aspekte des Lebens in der Gesellschaft ab: Arbeit, Frieden und Entwicklung, Menschenrechte, Deregulierung des Welthandels und des internationalen Finanzwesens, Umweltschutz, etc. Jüngster Ausdruck des Lehramts ist die große Enzyklika von Papst Benedikt XVI. Caritas in veritate.

Heute haben wir nicht die Gelegenheit, gemeinsam diesen immensen Schatz näher zu erkunden. Doch lassen Sie mich zur Bereicherung unserer Reflexion über die Sendung der Laien in der Kirche zumindest die knappe Definition dieser Lehre zitieren: «Die Soziallehre der Kirche legt Grundsätze für die Reflexion vor, erarbeitet Maßstäbe des Urteilens und gibt Wegweisungen zum Handeln.»

Betrachten wir nun die drei genannten Elemente näher:

  • Die Kirche legt Grundsätze für die Reflexion vor: die Heilige Schrift und die kirchliche Überlieferung bieten uns sichere und fundamentale Grundsätze, wie die Würde der menschlichen Person, die Anforderungen der Gerechtigkeit, Wahrheit und caritas, das Streben nach dem Gemeinwohl, etc. Diese Grundsätze werden in bedeutenden Dokumenten wie Pacem in terris, Populorum progressio, Laborem exercens, Evangelium vitae, etc. dargelegt.
  • Auf konkrete Situationen angewendet lassen sich mit Hilfe dieser Grundsätze Maßstäbe des Urteilens erarbeiten. So analysiert Pius XI. im düsteren Umfeld des Jahres 1937 die Grundlagen von Kommunismus und Nationalismus (Divini redemptoris und Mit brennender Sorge). Im Nachgang des Falls der Berliner Mauer und des Zusammenbruchs des Sowjetblocks präsentiert der selige Johannes Paul II. seine Analyse der neuen Weltsituation (Centesimus annus, 1991). Papst Benedikt XVI. legt 2009 seine couragierte und luzide Analyse der Exzesse des globalen Kapitalismus und des liberalen Individualismus sowie deren Konsequenzen vor (Caritas in veritate).
  • Und schließlich gibt das Lehramt Wegweisungen zum Handeln. In konkreten Situationen können die kirchlichen Autoritäten die Christen auffordern, gemeinsam in einem bestimmten Sinne zu handeln. Denken wir an den außergewöhnlichen Widerstand der Kirche Polens zur Zeit des Kommunismus, unter der Leitung von Kardinal Wyszyński. Denken wir an den Kampf gegen Gesetze, die die Abtreibung oder die gleichgeschlechtliche Ehe fördern, in Spanien und anderswo. Denken wir an den Kampf gegen Korruption, Ungerechtigkeit und Drogen in zahlreichen Ländern der Welt.

Diese Soziallehre der Kirche erhellt und lenkt die Sendung der Laien in der Welt, doch sie determiniert sie nicht. In der Tat gibt es weder eine christliche politische Ordnung noch eine christliche Wirtschaft, eine christliche Pädagogie oder eine christliche Medizin. Allerdings gibt es eine christliche Form, Politik, Wirtschaft, Pädagogik und Medizin zu betreiben. Haben Sie die drei Verben bemerkt, die die obigen Definitionen verwenden? Die Verben „geben“, „erarbeiten“, „vorlegen“ drücken keinen Imperativ aus. Ganz im Gegenteil sind sie für eine Vielfalt möglicher Antworten und den Pluralismus offen, der in der Praxis der Christen nicht immer akzeptiert wurde.

So war den Katholiken vor eineinhalb Jahrhunderten in einem sehr monarchischem Frankreich verboten, eine Republik zu unterstützen, die ein Erbe der Revolution war. Zur selben Zeit war den Katholiken in Italien die Unterstützung der Monarchie untersagt, die kurz zuvor Rom annektiert hatte. Während des Zweiten Weltkriegs waren in Europa Bischöfe und Katholiken in beiden politischen Lagern anzutreffen. Und heute ist es nicht anders, wenn die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten - wohl als einzige - Stellung gegen die Nuklearwaffen bezieht.

Dieser Pluralismus der möglichen Entscheidungen erhellt die persönliche Verantwortung jedes Laien in der Welt, einen Bereich, in dem das Konzil die rechte Autonomie der irdischen Wirklichkeiten anerkennt: «Das ist nicht nur eine Forderung der Menschen unserer Zeit, sondern entspricht auch dem Willen des Schöpfers» . Auf die Freiheit und Verantwortung der Laien hatte bereits Paul VI. die Mitglieder der Säkularinstitute hingewiesen: «Die erste Haltung, die angesichts der Welt einzunehmen ist, ist die Achtung vor ihrer legitimen Autonomie, ihren Werten und Gesetzen.» . Doch diese Autonomie bedeutet nicht Unabhängigkeit: Das Erschaffene hängt von Gott ab, und die Menschen können nicht nach ihrem Gutdünken darüber verfügen, ohne auf den Schöpfer Bezug zu nehmen. Ebensowenig können sie einen Weg einschlagen, der den Erfordernissen ihres Glaubens zuwider laufen würde.

Wie sollen nun die Laien ihre Entscheidungen treffen und ihr Handeln in der Welt gestalten? Das Konzil antwortet: «Aufgabe ihres dazu von vornherein richtig geschulten Gewissens ist es, das Gebot Gottes im Leben der profanen Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Von den Priestern aber dürfen die Laien Licht und geistliche Kraft erwarten. Sie mögen aber nicht meinen, ihre Seelsorger seien immer in dem Grade kompetent, daß sie in jeder, zuweilen auch schweren Frage, die gerade auftaucht, eine konkrete Lösung schon fertig haben könnten oder die Sendung dazu hätten. Die Laien selbst sollen vielmehr im Licht christlicher Weisheit und unter Berücksichtigung der Lehre des kirchlichen Lehramtes darin ihre eigene Aufgabe wahrnehmen.»

Um ihre Sendung in der Kirche umfassend auszuüben, besitzen die Laien zwei Werkzeuge, eine Art doppelten Kompass:

  • ein objektives Werkzeug für die geistige Erhellung: dies ist die Soziallehre der Kirche, die der selige Johannes Paul II. zu einem der drei Grundpfeiler jeder ernsthaften Schulung der Laien machte, gemeinsam mit der theologischen Schulung und der spirituellen Erziehung ;
  • ein subjektives Werkzeug für die spirituelle Erhellung: ihr Gewissen. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für die Sendung der Laien in der Kirche, denn man braucht nicht gläubig zu sein, um diese Soziallehre in die Tat umzusetzen. Gaudium et spes beschreibt in Anlehnung an den seligen John Henry Newman das Gewissen wie folgt: «Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein mit Gott ist, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.» Um auf sein Gewissen zu horchen, muss der Laie auch lernen, die Stimme Gottes in der inneren Stille zu erkennen. Seine Sendung in der Kirche kann er nur dann wahrnehmen, wenn er die eigene Innerlichkeit im Mysterium des Gebets pflegt; Gott in der Welt kann er nur dann im Glauben dienen, wenn er in der inneren Zwiesprache des Gebets auf Gottes Stimme horcht. Denn die Laien
  • die wohl Glaubende sind - sind in erster Linie lebendige Werkzeuge des Heiligen Geistes, des einzigen wahrhaften Meisters und der einzigen treibenden Kraft der Sendung.

Nun ist es an der Zeit, meinen langen Vortrag zu beenden. Zunächst möchte ich kurz darauf eingehen, dass ich im Lauf meines Vortrags den Blickwinkel ein wenig verändert habe. Angesetzt hatte ich ja bei dem mit angetragenen Thema „Wie können wir als Laien und wie Laien im Dienst der Kirche stehen“. Das Thema wurde dann nach und nach „die Sendung der Laien in der Kirche“, denn „Sendung“ ist wesentlich weiter gefasst als „Dienst». Und der „Dienst der oder an der Kirche“ wurde schließlich zum expliziteren „Dienst in der Kirche“, womit ich die Antwort auf die gestellte Frage bereits vorwegnehme. Wie dringend notwendig das Engagement der Laien in der Sendung der Gesamtkirche ist, möchte ich zum Abschluss mit einer persönlichen Erinnerung unterstreichen. Vor rund 20 Jahren lehrte ich ein Semester an der Universität Tübingen. Während der Fastenzeit hingen in sämtlichen Kirchen der Stadt große Plakate mit diesem schönen Satz: „Gott hat keine Hände, nur deine“. Eine bemerkenswerte Einladung!

Bereits Ignatius von Loyola forderte uns auf: «Handle, als hinge alles von Dir ab. Bete, als hinge alles von Gott ab.». Der selige Johannes Paul II. wandte sich auf ähnliche Weise an die Laien: «Neue kirchliche, gesellschaftliche, wirschaftliche, politische und kulturelle Gegebenheiten rufen heute mit besonderer Intensität nach dem Engagement der Laien. Sich der Verantwortung zu entziehen, war schon immer verfehlt. Heute aber liegt darin eine noch größere Schuld. Niemandem ist es erlaubt, untätig zu bleiben.»

Als Mitglieder von Säkularinstituten lassen wir diese uns wohlbekannten Formeln Pauls VI. in uns nachhallen, die unser Ideal so treffend auf den Punkt bringen:

  • „Alpinisten des Geistes“ ;
  • „in der Welt, nicht von der Welt, doch für die Welt“ ;
  • „progressiver Flügel der Kirche in der Welt“ ;
  • „Experimentallabor, in dem die Kirche die konkreten Modalitäten ihrer Beziehungen zur Welt prüft“ .

Und da wir uns hier in Assisi in geschwisterlicher Nähe zu Franziskus weilen, hören wir nun zum Abschluss sein Gebet:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.

Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen.
Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen.
Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen.
Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen.
Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen.
Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen.
Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen.
Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.


N. CMIS. : der originale Text ist in Französisch.

«EIN NEUES VORBILD DER HEILIGKEIT AUS TREUE ZU
GOTT IN DER WELT»

Ansprache seiner Exzellenz Gérald Cyprien Lacroix

Erzbischof von Québec

Primas von Kanada

Ein schönes Chanson von Félix Leclerc, des großen Dichters aus Québec, enthält folgende Worte: «C'est beau la vie, c'est grand la mort, c'est plein de vie dedans» [Schön ist das Leben, groß ist der Tod, er birgt eine Fülle an Leben]. Mit Bezugnahme auf das Thema, das mir für die heutige Weltkonferenz der Säkularinstitute angetragen wurde, möchte ich die Verse des illustren Chansonniers auf meine Façon umformulieren: «C'est saint la vie; c'est saint la mort, c'est plein de Dieu dedans» [Heilig ist das Leben, heilig ist der Tod, er birgt eine Fülle an Gott]. Und da Gott heilig, ja dreiheilig ist, frage ich: Trägt das Werk seiner Hände nicht auch das unauslöschliche Siegel seines Schöpfers?

Seit gestern befassen wir uns in gemeinsamer Reflexion mit der Herausforderung, auf den Pfaden der Geschichte, die uns aufruft, unsere christliche Berufung in Fülle zu leben, auf Gott zu hören. Wir versuchen, neue Vorbilder der Heiligkeit in der Welt zu finden, indem wir Gott treu sind.

Gleich zu Beginn meiner Ausführungen zur Heiligkeit und deren Wesen und schönster Offenbarung nenne ich Ihnen in einem Wort den Schlüssel für die Interpretation: Jesus Christus! Er ist das neue Vorbild der Heiligkeit, er hat die Treue gegenüber Gott in der Welt inkarniert. Außerhalb seiner werden wir nichts Neues finden, denn er ist das Alpha und das Omega. «Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit» (Hebr 13, 8).

Das heilige Werk Gottes des Schöpfers

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf das Wort „heilig“ lenken, das in unserer Kirche seit Jahrhunderten bei jeder Eucharistiefeier erklingt. Das Sanctus ist das wichtigste Loblied unserer Liturgie, gleichsam das Hohelied des himmlischen Zeremonials. Der erste Teil dieses Loblieds stammt vom Propheten Jesaja, der den dreifachen Ausruf der Seraphim vernahm: «Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt» (Jes 6,3). Der zweite Teil geht auf die Beifallsrufe der Menschenmenge zurück, die beim Einzug Jesu in Jerusalem am Vorabend seines Leidens Palmzweige schwenkten: «Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: «Hosanna dem Sohn Davids ! Gesegnet sei er, der kommt in Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!» (Mt 21,9).

Sie haben vermutlich bemerkt, dass gerade im ersten Text die Bezugnahme auf die Heiligkeit Gottes nicht geflüstert wird, wie das im majestätischen Umfeld eines göttlichen Hofes angemessen scheinen könnte. Vielmehr wird sie aus vollem Halse ausgerufen, wie ein Donner, der bis an die Enden des Weltalls und in das Innerste der Herzen zu vernehmen ist. Diese Heiligkeit steckt an und ist gebieterisch. Zunächst zwingt sie den Propheten Jesaja dazu, sich seiner sündigen Natur bewusst zu werden: «Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen» (Jes 6,5). Doch sofort nach diesem Geständnis vollzieht sich in ihm eine wunderbare Umkehr. Als ihn die Stimme des dreiheiligen Gottes auffordert, ihm zu dienen und eine anspruchsvolle prophetische Sendung zu erfüllen, stellt sich Jesaia dieser Herausforderung und antwortet: «Hier bin ich, sende mich» (Jes 6,8). Wie werden wir, Jesaja gleich, in unserem Leben als Christen und als Mitglieder eines Säkularinstituts von der Heiligkeit Gottes gerufen? Welche

Verbindung lässt sich zwischen der Heiligkeit Gottes und unserem Sendungsauftrag knüpfen, jederzeit und allerorts heilig in dieser Welt zu leben?

Der Aufruf Gottes zum Leben

Im Laufe unseres Lebens sind wir aufgefordert, auf eine große Zahl von Rufen zu antworten, beginnend beim grundlegenden Ruf, dem Rufe des Schöpfers, die Welt der Lebenden zu betreten: «Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.» (Gen 1, 26-27). Vom Augenblick der Empfängnis und der Geburt sind wir von Gott gerufen, der edlen Schar derer anzugehören, die seit Jahrmillionen die Erde bevölkern und ihren kostbarsten Wesenszug, ihre humanitas, ausmachen.

Das Eintreten in eine Welt, die Gott schuf, damit der Mensch seine Bestimmung in ihr verwirklicht, trägt das unauslöschliche Signum ihres Schöpfers: «Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.» (Gen 1,31). Als Mitglieder von Säkularinstituten liegt uns die Anerkennung der Heiligkeit der von Gott geschaffenen Welt am Herzen, und wir sind bestrebt, zu Vorbildern für die Verwirklichung seines Plans für die Menschheit zu werden. Welches passendere Vorbild könnten wir uns hier im lieblichen Assisi ins Gedächtnis rufen als das des berühmtesten Sohnes der Stadt, einer Gestalt, die zu den liebenswertesten der christlichen Hagiographie zählt? Das Vorbild dessen, den wir geschwisterlich Franziskus oder Franz nennen, jenes jungen Mannes, der von Jesus Christus und dessen Evangelium betört wurde. Wir kommen noch auf ihn zu sprechen. Franziskus ist ein Mensch, der mit staunenswerter Feinfühligkeit den heiligen Charakter der von Gott geschaffenen Natur erkannt und in poetischen Worten besungen hat, die von tiefem Glauben zeugen: «Gelobt seist Du, Herr, mit allen Wesen, die Du geschaffen, der edlen Herrin vor allem, Schwester Sonne [...]», um anschließend sämtliche Elemente der Schöpfung aufzuzählen. Sollten wir nicht auf diese Art und Weise die Schönheit anerkennen, die der Schöpfer mit seinem Werk geschaffen und die alles Sichtbare und Unsichtbare geheiligt hat, um so unser Leben mit der Freude zu füllen, an ihm teilzuhaben und gemeinsam mit dem Psalmisten auszurufen: «Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament!» (Ps 19,2)? Der Einfluss des Hl. Franziskus hat die Jahrhunderte überdauert und Meere und Kontinente durchquert. Seinen Namen tragen viele Generationen von Christen, auch mein Vorgänger, der erste Bischof von Québec François de Laval.

Es liegt mir fern, das Bild einer idyllischen Erde ohne Fehl und Tadel heraufbeschwören zu wollen, eine Art irdisches Paradies, wie es manche Autoren des 16. Jahrhunderts beschreiben, nachdem sie sich, vom Zufall geleitet, in die Neue Welt gewagt hatten.

Wir sind weit davon entfernt, uns die von Gott geschaffene Welt wie ein Paradies, sei es auch nur ein verlorenes Paradies, vorzustellen, oder in den Menschen Engel zu sehen, bestensfalls gefallene Engel. Die jüngste Menschheitsgeschichte hat die gewalttätigen Züge des Verhaltens vieler Zeitgenossen schmerzlich herausgestellt. Konflikte richten nach wie vor vielerorts in der Welt Verheerungen an. Ohnmächtig und sprachlos erleben wir den rapiden Niedergang unserer Erde, die durch Treibhausgase und unzählige Schadstoffe kontaminiert wird. Fernsehnachrichten senden ununterbrochen Bilder von Massakern und Naturkatastrophen, die mit einer einzigen Tsunamiwelle oder mit gewaltigen Erdstößen Tausende von Menschenleben auslöschen, deren einziger Fehler darin lag, sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufzuhalten. Ist das wirklich die Erde, die der Schöpfer den Menschen in seiner unendlichen Heiligkeit als Erbe übergeben hat, damit sie sich diese untertan machen und sich auf ihr vermehren? Aus verschiedenen Gründen bekräftige ich, dass es unsere Pflicht ist, die Hindernisse zu überwinden, vor die uns das Leben stellt, und die Schönheit von Gottes Wirken in allen Dingen wahrzunehmen. Nun aber kommen wir zum wichtigsten Grund.

Das Meisterwerk der Schöpfung: das der Welt geschenkte Wort Gottes

Gott hat sein Schöpfungswerk vollendet, indem er der Welt seinen größten Schatz schenkte, seinen eigenen Sohn: «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit » (Joh 1,14). Von Anbeginn seines öffentlichen Lebens an, seit seiner Taufe im Jordan, wird Jesus von Nazareth vom Vater ausersehen als «Mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden» (Mk 1,11). Wiederum im Evangelium, diesmal bezüglich der Verklärung Christi, trägt die Stimme Gottes den Jüngern auf, ihn zum Vorbild zu wählen: «Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören» (Lk 9,36). Dies begründet die Oberhoheit Christi und bestätigt, welche Rolle Jesus Christus für das Heil der Menschheit und die Vollendung seines Heiligungsplans für alle Menschen, die in seine Fußstapfen treten wollen, spielen wird.

Jesus Christus, vollkommenes Vorbild der Heiligkeit auf alle Zeit

Um sicher zu stellen, dass wir nach Gottes Plan leben und die Welt gemeinsam mit ihm verwandeln, könnten wir kein geeigneteres Vorbild als Jesus Christus nennen! Christus hat den Weg genau abgesteckt, damit wir, das Salz der Erde und das Licht der Welt, zu Vorbildern für die Heiligkeit in der heutigen Welt werden.

Christus, unser Herr, liebte die Erde und all ihre Bewohner aufrichtig, er erkannte ihren heiligen Charakter. Sehr viele der Gleichnisse, mit denen er seine Botschaft verkündet, nehmen Bezug auf eine tags und nachts voll Schönheit empfundene Natur. So spricht Christrus vom Feigenbaum, von den Lilien auf dem Feld, vom Abreißen der Ähren am Sabbat, den Vögeln, dem Wasser der Seen und Flüsse, der Erde, von Wind und Himmel, vom Wein der Hochzeit zu Kana und vom Brot des Abendmahls. All diese Bezugnahmen weisen auf eine innige Vertrautheit mit seinem Lebensumfeld hin.

Doch ganz besonders gilt Christi Fürsorge dem Volk, Kindern, Frauen und Männern seiner Zeit, denen gegenüber er aufrichtiges Interesse und große Zuneigung, Sympathie und Erbarmen zeigt. Er stellt fest, wie sehr das Böse und die Krankheit Leib und Geist zugrunde richten und setzt sich für die Linderung und Heilung der Menschen ein. Weit davon entfernt, sich den soziopolitischen oder religiösen Problematiken seiner Zeit entziehen zu wollen, bietet Jesus Christus Antworten, die Zeugnis ablegen von seinem bedingungslosen Festhalten an der Vatersliebe als Grundlage all seines Handelns, seiner Entscheidungen und seines Lebens. Diese Heiligkeit beeindruckt seine Zeitgenossen so nachhaltig, dass sie die Herzen zahlreicher Jünger entflammt. Wie Christus lehrte, ziehen sie in die bekannte Welt hinaus, und ihr Wirken reicht bis in die heutige Zeit: «Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.» (Mt 28,19-20).

Die Botschaft des Evangeliums, die der Quell der Inspiration für das Leben der Christinnen und Christen ist, geht in direkter Linie von Christus aus: Er ist «der Weg und die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6). Das christliche Dasein birgt eine Sinnhaftigkeit in sich, die uns auf unserem gesamten Lebensweg leitet, in unseren menschlichen Beziehungen wie den beruflichen und sozialen Betätigungen. Wir bemühen uns, die grundlegenden Werte zu leben, die nach Christus dem Willen des Vaters entsprechen: «Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe» (Joh 15,10). Diesen Werten zollten diejenigen Bewunderung, die das Privileg hatten, ihn zu kennen oder ihm zu begegnen – Werte, die jene, die seiner Lehre folgten, prägten. Betrachten wir nun einige dieser Werte Jesu und überlegen uns gemeinsam, wie sie dazu beitragen können, das Engagement von Christinnen und Christen, vor allem von Mitgliedern von Säkularinstituten, auf dem Weg zur Heiligkeit inmitten der Welt zu fördern und zu stärken.

Die Anerkennung der Würde der menschlichen Person ist einer der grundlegenden Werte, die Jesus Christus zum Mittelpunkt seines Lebens und seiner Lehre macht. Zahlreiche Erzählungen des Evangeliums beschreiben, wie der Herr mit sozialen Tabus seiner Zeit bricht. Er wagt mit Personen Mitgefühl zu zeigen, die als gänzlich vernachlässigbarer Teil der Gesellschaft galten: mit Kinder und Kranken, z.B. Aussätzigen, die ausgegrenzt und verachtet wurden. Jesus ist zutiefst barmherzig gegenüber Kranken, die ihn zu Tausenden aufsuchten, um von Heimsuchungen geheilt zu werden, die oftmals als Schande galten. Besonders kühn und wegweisend für einen Mann seiner Zeit war seine Einstellung zu Frauen, gleich ob sie Prostituierte, Witwen, Ausländerinnen oder gute Freundinnen waren. Diese und andere Werte wurden von Jesus hoch gehalten - Werte, die durch Nachahmung neue Vorbilder der Heiligkeit hervorbringen können, welche mit Gottes Heilsplan in unserer Welt vollends in Einklang stehen. Wie können wir dieses Ziel erreichen?

In Jesus Christus getauft stärken wir uns mit seinem Leben und strahlen das Feuers unseres Glaubens aus

Wir sind aufgerufen, innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche Jesu Christi sowie in der Welt, die die Kirche ja gemäß ihrer Sendung zu leiten und zu heiligen hat, unsererseits Zeugen der Heiligkeit Gottes zu sein. Der Augenblick, der unsere Berufung stiftet, ist die Taufe, die uns neu erschafft und uns die Identität als Kinder Gottes für ein neues und ewiges Leben schenkt. Mit unserer Entscheidung, den Werdegang unserer Taufe zu vollenden und uns einem Säkularinstitut anzuschließen, wollten wir dadurch Tag für Tag getreu dem Rufe Christi folgen, heilig zu werden: «Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden. Denn es heißt in der Schrift: Seid heilig, denn ich bin heilig.» (1 Petr 1,15-16). Darin liegen folglich die Herausforderung und die Sendungsauftrag, zu deren Verwirklichung wir gerufen sind: ein heiliges Leben zu führen in unserer Welt, die unentwegt auf Sinnsuche ist und nach der Wahrheit dürstet. Einer Welt, die jeder Bezugnahme auf das Heilige und besonders auf die Religion abweisend gegenübersteht. Wir dürfen uns dabei nicht dem Osmose-Effekt hingeben, der uns anstecken und entmutigen würde, sondern müssen ganz auf Christus ausgerichtet bleiben.

Denn weder Jesus Christus noch die Heilige Schrift liefern uns eine einfache und unmittelbare Antwort auf die grundlegenden Problematiken unserer Zeit. Der Glaube bietet kein Patentrezept, um die existenziellen Fragen nach dem Ursprung der Welt und des Lebens zu beantworten, z.B. danach, was unter Lebensqualität oder Sterben in Würde zu verstehen ist. Der Glaube setzt sich fortwährend mit ethischen Problemen der biologischen, medizinischen und technologischen Forschung auseinander und befasst sich mit den soziopolitischen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die die Welt in atemberaubendem Tempo umgestalten. Der Glaube räumt unsere Ängste angesichts der Stationierung von Massenvernichtungswaffen nicht beiseite, und ebensowenig beseitigt er die Ungewissheit, die eine inkonsequente Entwicklung von Wissenschaft und Technologie hervorrufen kann.

Wir leben inmitten einer Welt in Aufruhr. Wir vermögen die positiven Errungenschaften und Fortschritte von Wissenschaft und Technologie und Medizin zu erkennen, welche die menschlichen Kapazitäten aufwerten, die wir als Gabe vom Schöpfer erhalten haben. Dennoch sind wir durch die Taufe und unsere Jüngerschaft gegenüber Christus aufgerufen, uns kritisch mit gesellschaftlichen Entscheidungen auseinander zu setzen, die in keiner Weise zum Vorwärtskommen der Menschheit beitragen, da sie die Würde der menschlichen Person nicht achten.

In einer säkularisierten, abweisenden Welt

Ein kurzer Blick auf die in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Tendenzen ergibt ein Bild, das unser Verständnis von den Grundfesten des christlichen Verhaltenskodex' in vieler Hinsicht erschüttert: Hedonismus, Individualismus, Merkantilismus, Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit oder gar Verachtung für das Heilige und die Religion. Diese Tendenzen ziehen Verhaltensweisen nach sich, die gegen das Ideal des Evangeliums verstoßen.

Gegenwärtig erleben wir einen desolaten Mangel an religiöser Kultur auch bei Angehörigen einer Generation, die systematischer im Glauben unterrichtet wurde, deren Frauen und Männer aus unterschiedlichsten Gründen Christus jedoch nicht persönlich begegnet sind. In diesem Umfeld sind wir aufgerufen, «ein Licht [zu sein, dass allen] leuchtet […], die im Hause sind» (Mt 5,15).

Die Worte, mit denen sich der selige Johannes Paul II. im Jahr 1980 an die Teilnehmer des Weltkongresses der Säkularinstitute wandte, sind für uns in Assisi am 24. Juli 2012 von ungebrochener Aktualität. Der Heilige Vater zitierte dabei die Worte Pauls VI. in dessen Ansprache an die Verantwortlichen der Säkularinstitute (25. August 1976): «Wenn sie ihrer eigenen Berufung treu bleiben, dann werden die Säkularinstitute zu einer Art Experimentallabor, in dem die Kirche die konkrete Gestaltung ihrer Beziehungen zur Welt überprüfen kann. Aus diesem Grunde müssen sie den Aufruf des Apostolischen Schreibens Evangelii nuntiandi (70) als in erster Linie an sie selbst gerichtet verstehen und ihm Gehör schenken, nämlich: «Ihre erste und unmittelbare Aufgabe ist [...] die weite und schwierige Welt der Politik, des Sozialen und der Wirtschaft, aber auch der Kultur, der Wissenschaften und Künste, des internationalen Lebens und der Massenmedien.» Dies ist der fruchtbare Acker, der für die Neuevangelisierung bereits präzise abgesteckt ist! Betrachten wir nun kurz die Frage, wie unsere Suche nach Vorbildern der Heiligkeit in Früchte tragen kann dieser neuen Landschaft, in der wir als Arbeiter in den Weinberg des Herrn gesandt werden.

Lesen wir diesbezüglich in Johannes Pauls II. Nachsynodalem apostolischen Schreiben Christifideles Laici (30. Dezember 1988, 3). Darin wird die Haltung beschrieben, die wir gegenüber der Welt an den Tag legen sollten: «Wir müssen darum einen klaren Blick auf diese unsere Welt mit ihren Werten und mit ihren Problemen, mit ihren Nöten und mit ihren Hoffnungen, mit ihren Errungenschaften und mit ihren Niederlagen werfen: Eine Welt, deren wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und kulturelle Verhältnisse größere und gravierendere Probleme und Schwierigkeiten aufweisen, als die, die das Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes beschrieben hat. Und dennoch ist diese Welt der Weinberg, sie ist der Ort, wo die Laien dazu berufen sind, ihre Sendung zu erfüllen. Jesus will, daß sie wie alle seine Jünger Salz der Erde und Licht der Welt seien (vgl. Mt 5, 13-14): Wie aber sieht das Antlitz der „Erde“ und „Welt“ aus, deren „Salz“ und „Licht“ die Christen sein sollen?»

Ist es denn so schwierig, der Aufforderung Christi Folge zu leisten, der unser Weg und Vorbild ist und uns einlädt, ihm zu folgen, «damit auch ihr dort seid, wo ich bin» (Joh 14,3)? Hier rühren wir an den Kern des Dilemmas: Wir sind Jünger, die danach dürsten, unserem Ideal der Heiligkeit gerecht zu werden und Gottes Plan gegenüber der Welt treu zu bleiben. Wie können wir in der Welt, in der wir leben, unseren Überzeugungen getreu handeln? Sollen wir die Welt verachten und uns aus ihr zurückziehen, sie ignorieren und ein abgeschottetes Dasein führen, oder sollen wir sie lieben und daran glauben, dass ihr der Geist innewohnt und sie heiligt? Ich schlage vor, das wir unsere Zugehörigkeit zur Welt, die Gott für uns erschaffen hat, positiv betrachten. «Gott ist unser Vater, wie er auch unser Schöpfer ist. Weil er uns erschaffen hat, gehören wir ihm an. Das menschliche Wesen als solches geht auf ihn zurück und ist daher gut und Teilhabe an Gott.» (Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, 2007). Wir werden aufgefordert, gemeinsam mit ihm durch die Kraft des Geistes des auferstandenen Christus an der Neuerschaffung dieser Welt teilzuhaben!

Die Stimme des Herrn wird durch die Ereignisse der Kirchen- und Menschheitsgeschichte weitergetragen, wie uns die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Gedächtnis rufen: «Im Glauben daran, daß es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind. Der Glaube erhellt nämlich alles mit einem neuen Licht, enthüllt den göttlichen Ratschluß hinsichtlich der integralen Berufung des Menschen und orientiert daher den Geist auf wirklich humane Lösungen hin.» (Gaudium et Spes, 11).

Die Schöpfungsgeschichte erinnert uns daran, dass Gott über sein Werk staunte und sah, dass es «gut» war. Wir sollten fähig sein, das gleiche zu tun. Doch der Herr vermochte überdies das Leid und das Böse zu sehen, die mit der Sünde in die Welt gelangt sind. Die Welt, in der wir leben und die oft beunruhigend und bedrohlich ist, zwingt uns, uns dem Licht des Geistes Gottes und dem Lehramt seiner Kirche anzuvertrauen. Es ist unsere Pflicht, uns nach Kräften dafür einzusetzen, bestimmte in unseren Einflussbereich fallende Problematiken gestaltend zu verändern und wider alle Hoffnung auf die Freude und menschliche Solidarität zu hoffen. Dies sind die Ansätze, die Getaufte und v.a. Mitglieder von Säkularinstituten ausloten können, um innerhalb ihres eigenen Engagements Vorbilder der Heiligkeit zu gestalten. Gewiss kein einfaches Unterfangen, doch mit Sicherheit eine höchst interessante Herausforderung!

Eine Welt in der Erwartung von Glaube, Liebe und Hoffnung

Wie können wir ein Vorbild der Heiligkeit in einer Welt gestalten, die das Vergnügen zum Grundprinzip und Ziel des Lebens erklärt? In einer Welt, die das Höchstmaß an Befriedigung mit einem Minimum an Anstrengung anstrebt? In diesen Worten erkennen Sie die Definition zweier typischer Strömungen unserer zeitgenössischen Gesellschaft, des Hedonismus und des zu diesem führenden Individualismus. Zwar ist diese Tendenz zur Unbekümmertheit und Selbstbezogenheit auch im Verhalten von sozialen Gruppen und Einzelpersonen erkennbar, die begierig sind, mehr und mehr Vorteile zu erringen, ohne die damit verbundene Verantwortung übernehmen zu wollen. Doch andererseits sind auch wundervolle Kräfte der Großherzigkeit und des Teilens in der Welt am Werk. Denken wir nur an den Kampf gegen Armut und Analphabetismus, an die Hilfe für Kriegs- und Katastrophenopfer seitens Tausender ehrenamtlicher Helfer und Ärzte ohne Grenzen, die sich im Namen des christlichen Glaubens für die Achtung des Lebens oder die Schaffung von Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Angesichts dieser vielfältigen Formen der Ungeschuldetheit, der Großherzigkeit und des Altruismus empfinde ich große Bewunderung für die Umsetzung der meisterlichen Seligpreisungen der Bergpredigt, gewissermaßen der Charta der christlichen Heiligkeit: «Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden [...] Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden» (Mt 5,6-9). Wir sind aufgerufen, die Frohbotschaft mit Hilfe der Neuevangelisierung in eben diese Welt zu tragen.

Durch die Neuevangelisierung gerufen, von Gottes Liebe Zeugnis abzulegen

Zwar ist der Terminus «Neuevangelisierung» mittlerweile recht weit verbreitet und assimiliert, doch im kirchlichen und pastoralen Denken ist er erst seit kurzem anzutreffen. Seine Bedeutung ist daher nicht immer klar gefasst und allgemein gültig. Der selige Johannes Paul II. sprach als erster von Neuevangelisierung und stellte sie in den Mittelpunkt seines Lehramtes: «Heute muß man sich mutig einer Situation stellen, die im Zusammenhang mit der Globalisierung und der neuen gegenseitigen Verflechtung von Völkern und Kulturen, die sie mit sich bringt, immer vielfältiger und anspruchsvoller wird. Unzählige Male habe ich in diesen Jahren den Aufruf zur Neuevangelisierung wiederholt. Ich bekräftige ihn jetzt noch einmal, vor allem um darauf hinzuweisen, daß es unbedingt nötig ist, in uns wieder den Schwung des Anfangs dadurch zu entzünden, daß wir uns von dem glühenden Eifer der apostolischen Verkündigung, die auf Pfingsten folgte, mitreißen lassen. Wir müssen uns die glühende Leidenschaft des Paulus zu eigen machen, der ausrief: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“» (1 Kor 9,16). (Novo Millenio Ineunte, 40).

Dass Papst Benedikt XVI. der Ausrichtung seines Vorgängers folgt, belegen die Schaffung des Päpstlichen Rats für die Neuevangelisierung am 12. Oktober 2010, wie auch die Abhaltung der Bischofssynode in Rom vom 7. bis 28. Oktober, die unter dem Thema steht: «Die Neuevangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens». Die mit dem genannten Päpstlichen Rat verbundenen Intentionen erläutert der Heilige Vater wie folgt: «Indem ich die Sorge meiner verehrten Vorgänger annehme, halte ich es für angebracht, angemessene Antworten anzubieten, damit sich die ganze Kirche, indem sie sich von der Kraft des Heiligen Geistes neu beleben läßt, der heutigen Welt mit einem missionarischen Elan zeige, um eine neue Evangelisierung zu fördern.» (Motu Proprio Ubicumque et Semper, 21. September 2010).

Kirche und Welt brauchen eine neue Evangelisierung, kein neues Evangelium! Es geht darum, die Frohbotschaft auf neue Weise zu verkünden und sich dabei auf das Innerste des Glaubens zu konzentrieren, welches uns zur Umkehr bewegt und die Herzen von Glaubenden und Nicht-Glaubenden berührt und anzieht. Als Mitglieder von Säkularinstituten sind wir aufgerufen, uns an diesem immensen Projekt zu beteiligen und uns die optimale Voraussetzung für seine Umsetzung ins Gedächtnis rufen: die tiefe, persönliche Erfahrung der heilsbringenden Liebe Christi. «Wer Christus wirklich begegnet ist, kann ihn nicht für sich behalten, er muß ihn verkündigen» (Novo Millenio Ineunte, 40). Er muss das Wagnis eingehen, sich mutig der Frage zu stellen: Wenn ich ihn nicht voll Freude verkünde, bin ich ihm dann wahrhaft begegnet?

Als wahrhaft Glaubende und mit dem Beistand des Heiligen Geistes sind wir zur Heiligkeit aufgerufen und eingeladen, mit unserem Leben Zeugnis von der Schönheit der Werte des Evangeliums abzulegen. Diese Werte müssen in all unserem Sein und Tun zum Ausdruck kommen. Wer evangelisiert, legt von der persönlichen und gemeinschaftlichen Erfahrung der Liebe Gottes Zeugnis ab, von den Wundern, die Gott in seinem eigenen Leben vollbracht hat, aber nicht davon, was er selbst über Gott gelernt hat. «Das ist es, was Gott will: eure Heiligung» schreibt der Apostel Paulus an die Thessalonicher (1 Thess 4,3).

Treffliche Zeugen der handelnden Gegenwart Gottes

Wir bewundern herausragende Zeugen, deren Leben und Wirken die Menschheit berührt und verwandelt haben. Laien wie Jean Vanier, Madeleine Delbrêl, Chiara Lubich, Mutter Theresa von Kalkutta und sehr viele andere könnten wir hier aufzählen. Dies sind wahre Vorbilder, deren Wirken und Einfluss in unserer Zeit Zeugnis von der Macht des Geistes ablegen. Ihr Verhalten muss für uns auf unserem Lebensweg und im Streben nach Heiligkeit eine Quelle der Inspiration sein. Papst Paul VI. hielt fest: «Der heutige Mensch [...] hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind» (Evangelii Nuntiandi, 41).

Wie Sie alle habe auch ich die persönliche Bekanntschaft von Menschen gemacht, die in ihrem Leben nach der Vollendung und der Nachahmung Christi dürsten, Menschen, die im nebulösen Universum mancher Zeitgenossen wie Leuchtfeuer wirken. Ich gehöre dem Säkularinstitut Pius X. an, das Pater Henri Roy 1939 gründete. Dieser pflegte zu sagen: «Der einzige Makel eines Lebens besteht darin, kein Heiliger zu werden.» Wer mit ihm in Kontakt kam, sagte, er sei «von Heiligkeit besessen» (Zeitschrift Je Crois, 1985). Dies könnte abwertend klingen, doch ich versichere Ihnen, dies ist nicht im entferntesten so gemeint. Wie Bruder Franziskus und alle Heiligen, die das Leben der Kirche und ihr eigenes Zeitalter geprägt haben, war auch Pater Roy ein wahrhafter Zeuge der Liebe und Fürsorge Gottes in der Welt. Er war ein eifriger „Handwerker“ der Barmherzigkeit Christi gegenüber allen Menschen, ganz besonders jungen Menschen, Armen und Bedürftigen gegenüber. Wie wir bei dem Propheten Jeremias lesen, sind diese Frauen und Männer «von Gott besessen»: «Du hast mich betört, oh Herr, und ich ließ mich betören» (Jer 20,7).

Eine Quelle der Inspiration für unsere Zeit

In bestimmten Augenblicken der Geschichte scheint das Schicksal zwischen Aufprall und Unheil zu zögern, als erwarte es das Kommen einer Person, doch niemand erscheint. Ende des 12. Jahrhunderts erreicht ein junger Mann hier in Assisi beinahe, dass das Wunschbild Wirklichkeit wurde. Sein Leben verläuft in zwei völlig unterschiedlichen Phasen, wie um vor Augen zu führen, was es im Leben alles an Traurigem und Freudigem, an Kleinem und Großem, an Welthaftem und Spirituellem, an Müßigem und Erhabenem gibt. Diese Gegensatzpaare der Existenz fasst Paulus in einer existenziellen Konfrontation als ein Leben, für das gilt: «Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch» (Gal 5,17).

Ich erwähne das Vorbild des Hl. Franziskus nicht nur deshalb, weil seine Heiligkeit von der Kirche offiziell anerkannt wurde, sondern weil ich in seinem Werdegang ein großes Vorbild für unser Streben nach einem heiligen und aufblühenden Leben sehe. Franziskus wird in eine Zeit hineingeboren, in der sämtliche Ausschweifungen des Lebens gang und gäbe sind. Die heidnische Antike ist noch nicht vergessen, ihre ausschweifenden Sitten noch nicht durch die christliche Botschaft verdrängt. Die Länder des gesamten damaligen Europas sind nach inneren Kriegen und Machtkämpfen zerrissen. Die Kluft zwischen Reich und Arm schafft empörende Ungleichheit, die Unwissen, Krankheit und Hungersnot zur Folge hat. Die Kirche wankt in ihren Grundfesten, denn sie hat sich von der Treue zu ihrem Meister entfernt, wodurch ihre Sendung beeinträchtigt wurde. Eines Tages hört Franziskus die Stimme Christi sagen: «Franziskus, gehe hin und stelle meine verfallene Kirche wieder her».

Franziskus, der einer wohlhabenden Bürgerfamilie entstammt, genießt eine unbeschwerte Jugend voller Vergnügungen; sein mildherziges Naturell sichert ihm allseits Bewunderung und Sympathie. Diese Lebensphase endet mit einer außergewöhnlichen spirituellen Erfahrung, die im Kirchlein des Hl. Damianus ihren Anfang nimmt. Wie Blaise Pascal, der 1654 eine ähnliche «Nacht der Feuer» erleben sollte, wird sich Franziskus mit einem Mal schmerzlich der eigenen Sündhaftigkeit bewusst. Er erträgt sein eigenes Selbstbild nicht mehr, das er seiner Wahrnehmung der Person Christi gegenüber stellt. Von Reue und bedingungsloser Liebe zu demjenigen erfasst, den er nunmehr «die Liebe» nennt, bemüht er sich, ein neuer Christus zu werden. Am eigenen Leibe erlebt er, was dem heiligen Paulus geschah: «Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.» (Gal 2,19-20).

Franziskus wird ein anderer Mensch. Die Gesellschaft und die Welt, in der er lebt, kennt er nur allzu gut. In einfachen, verständlichen Worten predigt er von Umkehr und Erneuerung, von der Rückkehr zu einem Glauben, der nicht auf Dogmen, Vorschriften und dem mechanischen Herunterleiern von Gebeten gründet, sondern auf der wahrhaftigen communio in der Liebe zu Christus. Sein Predigen ist weder moralisierend, noch hat es dogmatische oder autoritäre Züge. Franziskus begnügt sich damit, wie Jesus zu leben und in Freude zu teilen, das Mitgefühl und die heilige Armut zu leben, um sein Zeugnis zu seiner beredtesten Ausdrucksform zu machen. Er, der keine theologischen Studien betrieben hat, aber danach brennt, die Freude, die ihm seine unermessliche Liebe zu Gott schenkt, mit anderen zu teilen, bricht auf und verbreitet die Frohbotschaft in Worten, deren Wahrheit die Herzen berührt. Auf diesem Weg des Gehorsams und der Armut, die zur Tugend wird, sofern sie in der Armut Christi wiedererkennt, wird Franziskus in seiner Welt zum „Handwerker“ einer neuen Evangelisierung. Sein Einfluss lenkt die Geschichte der Kirche und der ganzen Welt in eine andere Richtung. Seine Botschaft ist ein dringender Aufruf zur Umkehr an die Männer und Frauen aller Zeiten,. Sie ist fordert dazu auf, sich voll Entschlossenheit Christus als unserem vollendeten Vorbild zuzuwenden, damit wir uns ein Beispiel an ihm nehmen und dieses mit entsprechenden Handlungen in unserem Lebensalltag nachahmen.

An uns liegt es, die Herausforderung anzunehmen und Vorbilder im Gebet und in der Annahme des Gotteswortes zu sein

Liebe Brüder und Schwestern, als Mitglieder der Säkularinstitute öffnen Sie sich durch Ihre Berufung und Ihr kirchliches Engagement in den verschiedensten Bereichen des menschlichen wie seelsorgerischen Lebens dem Herzen der Welt. Vereint glauben wir daran, dass uns der Heilige Geist in unserem Bemühen um ein aufblühendes Leben und in unserem Streben nach Heiligkeit leitet. Und wir vertrauen uns seinem segensbringenden und beruhigenden Wirken an, damit er uns auf immer zur Heiligkeit führen möge, so wie es uns der Prophet Ezechiel verheißt: «Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt.» (Ez 36,27). Zutiefst verwurzelt in dieser Welt, deren Schönheit und Größe wir jeden Tag aufs Neue entdecken wollen, wissen wir, dass er heilig ist, weil er von Gott kommt und Gott in ihm wohnt. Als die erhabenste Gabe, die der Schöpfer den Menschen geschenkt hat, erkennen wir die Gabe seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Durch ihn und in ihm erkennen wir den Weg und die Wahrheit. Wir sind gewiss, auf die Kraft seines Geistes zählen zu können, um allen Hindernissen auf unserem Lebensweg positiven, friedlichen Grundhaltung entgegen zu treten: «Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und liebt einander, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefällt» (Eph 5,1-2).

Sich dieser Herausforderung zu stellen ist nicht einfach. Auch für Jesus war es schwierig, die ihm gelegten Fallstricke, den Verrat seiner Freunde, das Unverständnis für seine Botschaft und das Leiden seiner Passion zu überwinden. Doch er hat diese Widrigkeiten im Gebet überwunden. Jederzeit, Tag und Nacht, gerade wenn die Bürde seiner Sendung schwer auf ihm lastete, wandte er sich an den Vater und betete. Das Gebet bildete den Mittelpunkt des Lebens Jesu als fortwährendes Zwiegespräch mit dem, der ihn gesandt hatte. Das Gebet war sein Trost in der Finsternis des Zweifels, seine Nahrung in der Wüste, sein aufmunternder Zuspruch in der Bewährungsprobe. Das Gebet war wie ein Ventil in Augenblicken überwältigender Freude und großer Emotionen, es war die Quelle, an der er sich labte, um die Wunder zu wirken und Leib und Seele zu heilen. Jesus war das Gebet, indem er in allen Dingen dem Willen seines Vaters gehorchte und uns zu seinen Kindern machte. «Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater» (Gal 4,6).

Als die Apostel den Herrn bitten, sie beten zu lehren (vgl. Lk 11,20), bringt er ihnen das «Vater unser» mit den Worten bei, die seinem Herzen entspringen. Es ist das Gebet, das er selbst an seinen Vater richtet und in das er nunmehr sämtliche Mitglieder der Familie einbezieht. Liebe Freunde, das Gebet ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe wir Vorbilder der Heiligkeit werden können. Das Gebet ist Aufschrei und Hauch des Geistes in uns, der uns zu unseren Brüdern und Schwestern hindrängt, wo auch immer sie sich aufhalten. Ein anderes wesentliches Element in der Erringung der Heiligkeit ist der Stellenwert, den das Wort Gottes in unserem täglichen Leben einnimmt. Die Propheten lebten ihre Sendung mit Hilfe des Gebets und des Wortes Gottes. Dies muss auch für uns gelten. Das Wort Gottes anzunehmen, darüber nachzudenken und es zu leben erweist sich als sicherer Weg, um uns zu Heiligen zu machen, damit unser Leben dem Heilsplan Gottes folgt und reichlich Früchte trägt. Denn das Wort Gottes ist ein Jemand, es ist das Fleisch gewordene Wort.

Im Weinberg des Herrn, hier und jetzt

Durch unser Wirken setzen wir uns dafür ein, dass die Schönheit überall zu Tage treten kann, um Zeugnis von der Größe, Güte, Liebe und dem Genie des Schöpfers abzulegen. Überall, in unseren Bildungseinrichtungen, Familien, Dörfern und Städten wachen wir über das Heranwachsen glücklicher junger Menschen und engagierter Bürger und Bürgerinnen, die sich edlen und beständigen Aufgaben verschreiben; in Fabriken und Werkstätten, in denen wir die Lebensumstände unserer Mitbürger zu verbessern suchen; in Krankenhäusern und Kliniken, Alters- und Pflegeheimen, wo wir Krankheit, Einsamkeit und Leid lindern; in den Vereinen, in denen wir die Voraussetzungen für die Förderung von Frieden, Gerechtigkeit und Glück schaffen; in unseren christlichen Gemeinschaften, wo wir die Botschaft der Liebe und Versöhnung weitergeben, die uns unsere unermessliche Liebe zu Christus einflösst. All dies bildet den Acker, in dem wir Tag für Tag die Saat einer Heiligkeit aussäen, deren neue Vorbilder heute und in Zukunft zu Tage treten. Unsere Augen und Herzen sind dabei unverrückbar auf Christus gerichtet sind – Christus, dessen tätige Zeugen wir in allem sind, was wir vollbringen.

Diesbezüglich kommen mir die Worte in den Sinn, die Kardinal Etchegaray 1978 anlässlich der Zelebration des Gründonnerstag an die Priester seiner Diözese Marseille richtete. Sie bringen sehr treffend unsere Sorge auf den Punkt, Vorbilder der Heiligkeit in unserer Zeit zu werden: «Verlangsamst du deinen Schritt, halten die Glaubenden inne; wirst du schwach, wanken sie; lässt du dich nieder, schlafen sie ein; zweifelst du, werden sie mutlos; kritisierst du, zerstören sie. Aber gehst du vor ihnen her, überholen sie dich; reichst du ihnen die Hand, sind sie bereit, ihr Leben für dich zu lassen; betest du, dann werden sie zu Heiligen.» (Diese Worte werden Michel Menu in dessen Ansprache an die französischen Pfadfinder zugeschrieben).

Doch das letzte Wort hat Jesus - von ihm selbst stammen der dringende Appell, die begeisternde Herausforderung, voll Freude und Mut an seiner Sendung teilzuhaben: «Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden» (Mt 9,36-38). Hierauf können wir nicht umhin, mit Jesaja zu antworten: «Hier bin ich, sende mich» (Jes 6,8).

In allem und für alle in der Gefolgschaft Jesu

Mit Christus wandeln wir gemeinsam auf den Pfaden der Geschichte. Mal entlang gewundener Wege mit tiefen Wagenspuren, auf Pfaden, die in Sackgassen zu führen scheinen und auf solchen, die weniger bedrohlich sind, dann wieder auf solchen, die den Blick auf vielversprechende Horizonte öffnen. Unseren Brüdern und Schwestern, die diese Wege gehen, gehen wir entgegen, wo sie sich auch aufhalten. Wir reichen ihnen eine helfende Hand und bieten ihnen Stärkung für Leib und Geist, um den Hunger und Durst zu stillen. Wir teilen unsere Kleider, Güter, Talente und unsere Zeit mit ihnen, trösten die Bedrängten und trocknen ihre Tränen, besuchen die Gefangenen und richten Worte an sie, die ihr Herz erwärmen. Wir legen Hand an, um durch unsere Bemühungen zur Schaffung von Frieden und Versöhnung beizutragen. Wir prangern Ungerechtigkeit und Ungleichheit an und stellen uns auf die Seite der Armen und Benachteiligten. Wir setzen uns für das Kommen einer besseren, schöneren, blühenderen und gerechteren Welt ein und beweisen, dass dies dem Willen Gottes unseres Vaters entspricht. Auf diesen Wegen verkünden wir überall, dass Gott die Liebe und dass er gerecht und gut ist, dass jeder Mensch einzigartig ist, für Gott zählt und von ihm geliebt wird. Wir versuchen, jeden einzelnen Menschen davon zu überzeugen, dass er oder sie sich emtgegen allen Vorstellungen und allem Schein lediglich dieser Liebe zu überlassen braucht, denn Gott wartet nur darauf, zu lieben und geliebt zu werden und einen Ewigen Bund einzugehen.

In der Gefolgschaft Jesu, der unter uns wandelte und die Saat eines glücklichen, liebenden Menschenlebens ausgesät hat, eines Lebens, das sich im Hause unseres Vaters vollends entfalten wird, empfehlen wir uns seinem Geist an, damit er uns lenken, stärken und begleiten möge. Dann nämlich werden wir aus seinem Mund vernehmen, was er versprochen hatte: «Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. [...] Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25,34-40). Und dann werden wir feststellen, dass wir die Wege der Heiligkeit voll Liebe und Vertrauen zu Gott in der Welt, in der er uns geschaffen hat, beschritten haben.

Führen wir nun miteinder die uns anvertraute Sendung couragiert und voll Freude fort. Der Herr ruft uns dazu auf: Lasset uns nicht zögern, denn er ist unter uns auf alle Zeit.


N. CMIS. : der originale Text ist in französisch.

NEUE AUSDRUCKSFORMEN UND EINE NEUE SPRACHE FÜR DIE KIRCHE

Ivan Netto

Was ist unter den Neuen Medien zu verstehen? Dieser Oberbegriff bezeichnet die vielfältigen Formen der elektronischen Kommunikation, die mit Hilfe der Computertechnologie ermöglicht wurde. Es handelt sich um den Gegenbegriff zu den „althergebrachten“ Medien wie Tageszeitungen und Zeitschriften im Printformat gestellt, die statische Darstellungen von Texten und Graphiken sind.

Zu den Neuen Medien gehören: Internetauftritte, Chat rooms, E-mail, Online-Communities, Werbung im Internet, DVDs und CD-ROMs, interaktive virtuelle Umgebungen, Internet-Telefonie (digitale Datenübertragung per Telefon), Podcasts, Abonnieren von RSS-Feeds, soziale Netzwerke, Textnachrichten, Blogs, virtuelle Welten, mobile Endgeräte, u.v.m.

Die katholische Kirche, die lange Zeit in der Kommunikation führend war, ist heute nach Meinung bestimmter Fachleute bei der Beteiligung im Bereich der Neuen Medien ins Hintertreffen geraten. Diese argumentieren, dass die Nutzung der Neuen Medien seitens der katholischen Kirche den Bemühungen im Bereich der Katechese, Evangelisierung und anderen Kommunikationsbereichen zu Gute käme, denn sie stellt allseits zugängliche, kosteneffiziente, gemeinschaftsbildende Resourcen für Kirchenmitglieder und andere Personen, zu Hause wie unterwegs, bereit.

Welche Unterstützung bieten Neue Medien?

Die Neuen Medien verbinden Menschen mit Informationen und Diensten. Beispiel: AIDS-Patienten können sich mit Angehörigen, Freunden, anderen AIDS-Patienten und Pflegekräften in Verbindung setzen.

Die Neuen Medien unterstützen Menschen, mit anderen zusammen zu arbeiten. Beispiel: AIDS-Hilfsorganisationen werden dadurch unterstützt, gemeinsam Dienstleistungen für AIDS-Patienten anzubieten.

Die Neuen Medien schaffen neue Inhalte, Dienste, Gemeinschaften und Wege der Kommunikation, mit deren Hilfe Informationen bereitgestellt und Serviceleistungen erbracht werden. Beispiel: AIDS-Organisationen können ihre eigenen Internetauftritte und Blogs gestalten.

Welche Reaktionen lösen die Neuen Medien aus?

Papst Benedikt XVI. betont, dass die Neuen Medien weder mit oberflächlicher Begeisterung noch mit Skepsis begrüßt werden sollten. Er hält fest, dass die Kirche lernen müsse, die Neuen Medien effizient einzusetzen.

Wie jede Sprache, so der Papst, bringen die Neuen Medien eigenständige Ansätze zur Vermittlung und Organisation von Gedanken und Ideen mit sich. Alle Ausdrucksweisen und Sprachen prägen die Art und Weise, in der Gedanken ausgedrückt werden. Die sozialen Medien betonen eher die intuitiven und emotionalen als die analytischen Fähigkeiten und fördern tendenziell eine andere logische Organisation unserer Vorstellungen und Beziehungen zur Wirklichkeit.

Diese neue Ausdrucksform hat ihre Schattenseiten, so der Papst weiter - besonders für diejenigen, die soziale Medien nutzen, ohne zu verstehen, wie diese funktionieren.

Hiermit sind zahlreiche Risiken verbunden, z.B. Verlust der inneren Tiefschichtigkeit, oberflächliche Verbindungen, Flucht in den Emotionalismus und die Prävalenz der überzeugendsten Meinung gegenüber dem Streben nach Wahrheit.

Der Heilige Vater empfiehlt, dass der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel Personen in leitenden kirchlichen Positionen unterstützt, die „neue Sprache“ der Massenmedien in den seelsorgerischen Aufgaben zu verstehen, zu interpretieren und zu sprechen.

Welche Aussagen trifft das Lehramt der katholischen Kirche zu den Neuen Medien?

Es liegen bereits zahlreiche Lehramtstexte zu den Themen Evangelisierung, Medien und Neue Medien vor. Es besteht Hoffnung, dass die kirchliche Lehre diesbezüglich in naher Zukunft weiter aktualisiert werden wird.

Der erste Lehramtstext zu diesem Thema war Apostolicam Actuositatem, das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Laienapostolat (1965), sowie zehn Jahre später Evangelii Nuntiandi; beide Schriften wurden von Papst Paul VI. promulgiert. Diese beiden Dokumente bilden die Grundlage, um die Ansicht der Kirche zur Evangelisierung zu verstehen, gerade in Bezug auf das Laientum. Anschließend folgten das Apostolische Schreiben Johannes Pauls II. Die schnelle Entwicklung (2005) und die Enzyklika Benedikt XVI. Caritas in Veritate (2009), die die kirchliche Lehre zu Kommunikation und Medien darlegen. Und schließlich die jüngste Botschaft Neue Technologien - Neue Verbindungen, die Benedikt XVI. zum Thema der neuen Medien und deren Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen promulgierte.

In Apostolicam Actuositatem ermutigt das Konzil die Laien, im Geist der Kirche noch eifriger zur Herausarbeitung, Verteidigung und entsprechenden Anwendung der christlichen Grundsätze auf die Probleme unserer Zeit beizutragen. Dadurch werden alle Christen mit der Mitwirkung an der Sendung betraut, damit die göttliche Heilsbotschaft von allen Menschen auf Erden erkannt und angenommen wird. Diese sind aufgerufen, persönliches Zeugnis abzulegen und in ihrem täglichen Leben den Laien ihres Umfelds das Evangelium zu verkünden. Die Lehramtstexte unterstreichen die Bedeutung der Evangelisierung als vielschichtigen persönlichen Prozess, der für jeden Christen verpflichtend ist. Das Konzil stellt klar, dass Evangelisierung nicht nur das Werk von Einzelpersonen, sondern auch von Gemeinschaften sein sollte. Alle sind aufgerufen, Zeugnis abzulegen und das Evangelium zu verkünden.

In Evangelii Nuntiandi lehrt Papst Paul VI., dass die Evangelisierung die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche ist und ihre Identität zutiefst prägt, ja ausmacht. Die Kirche existiert, um zu evangelisieren. Als grundlegend betont der Papst, dass die Evangelisierung der Kultur und der Kulturen der Menschen nicht dekorativ wie ein oberflächlicher Anstrich gestaltet sein darf, sondern in die Tiefe reichen und bis zu den Wurzeln vordringen muss. Paul VI. stellt zwei Dinge klar: Erstens muss die Evangelisierung einen Wandel an den Wurzeln einer Kultur auslösen, d.h. dort, wo die Werte verankert sind. Zweitens ist die persönliche Form der Begegnung sehr wichtig, denn sie ahmt die Begegnungen Christi mit Einzelnen nach, von denen uns die Evangelien berichten, z.B. mit der Samariterin.

In seinem Apostolischen Schreiben Die schnelle Entwicklung hält Johannes Paul II. fest, dass Medien und Kommunikation für die Kirche wertvolle Hilfe bei der Verbreitung des Evangeliums und der religiösen Werte sowie der Förderung des Dialogs, der ökumenischen und interreligiösen Kooperation leisten. Außerdem unterstützen sie die Verteidigung jener soliden Grundsätze, die unerlässlich für den Aufbau einer Gesellschaft sind, die die Würde der menschlichen Person achtet und das Gemeinwohl fördert. Die Kirche betrachtet Medien als Werkzeuge, die einzusetzen sind, um ihre vielschichtige, von Gott gegebene Sendung in der Welt zu erfüllen. Johannes Paul II. fügt hinzu, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssen, um diese Sendung zu vollbringen. Er zeigt auf, wie Medien die Verständigung zwischen kirchlichen Gemeinschaften wirksamer gestalten können und stellt fest, dass die modernen Technologien die Geschwindigkeit und den Umfang der Kommunikation sowie den Zugang zu dieser deutlich gesteigert haben. Als Makel der Kommunikationsmedien bemerkt er, dass diese vor allem jenen delikaten Austausch zwischen Geist und Geist, Herz und Herz nicht begünstigen, der jede Kommunikation auszeichnen muss, die der Solidarität und der Liebe dient.

In Caritas in Veritate lehrt Papst Benedikt XVI., dass Medien und allgemein die Technologie Ausdruck der Spannung des menschlichen Geistes bei der schrittweisen Überwindung gewisser materieller Bedingtheiten sind und eine Sehnsucht nach Transzendenz widerspiegeln. Technologie ist eine Antwort auf Gottes Gebot, das Land, das er der Menschheit anvertraut hatte, zu bebauen und zu hüten (Gen 2,15). Die Kirche betrachtet Technologie an sich als nicht inhärent gut oder böse, sondern als Ausdruck einer von Gott gegebenen menschlichen Qualität, die zum Wohl der Menschheit eingesetzt werden kann.

In Neue Technologien - Neue Verbindungen bietet Benedikt XVI. Handreichungen für die Nutzung der Neuen Medien und stellt heraus, auf welche Weise die Neuen Medien die menschlichen Beziehungen beeinflussen. Zunächst hält er fest, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Neuen Medien entwickeln und populär werden, uns nicht überraschen sollten, denn die Neuen Medien entspringen einem grundlegenden Bedürfnis der Menschen nach Kommunikation und Verständigung untereinander. Der Heilige Vater begrüßt die Sichtweise, dass Neue Medien nicht nur den Menschen erlauben, zueinander in Verbindung zu treten, sondern dass diese Verbindungen vielmehr Formen der Kooperation zwischen Menschen in unterschiedlichen geografischen und kulturellen Lebenswirklichkeiten fördern und so den zwischenmenschlichen Austausch vertiefen können.

Am 29. Juni 2011 startete Benedikt XVI. den neuen Internetauftritt des Vatikans mit Hilfe eines Tablet Pc mit folgenden Worten: „Liebe Freunde, ich habe soeben News.va gestartet. Gelobt sei unser Herr Jesus Christus! Mit meinen Gebeten und meinem Segen, Benedikt XVI.“ Durch diesen Schritt gewann die englische Twitter-Seite des Vatikan Tausende neuer Follower hinzu.

Problembereiche

Anschließend befasst sich Benedikt XVI. mit dem Thema der Digitalen Kluft. Hinter diesem Begriff steht die Vorstellung, dass die Neuen Medien die Werte der Mittel- und Oberschicht vertreten und für diese zugänglich sind, nicht aber für die Armen. Der Papst unterstützt die Bemühungen, mit denen sicher gestellt werden soll, dass die Vorzüge der Neuen Medien allen Menschen und Gemeinschaften zu Gute kommen, vor allem den Benachteiligten und Schutzbedürftigsten. Er warnt davor, dass es ein schwerer Schaden wäre, wenn die Weiterentwicklung der Neuen Medien lediglich zur Vergrößerung der Kluft beitrüge, die die Armen von den neuen Netzen trennt, die sich im Dienst der Information und der menschlichen Sozialisierung entwickeln. Während die Kirche also die Annäherung der Völker mit Hilfe der Neuen Medien unterstützt, fordert sie eine Bewegung, die die Armen und die am Rand Stehenden durch diese Neuen Medien repräsentiert.

Benedikt XVI. unterstreicht außerdem als wichtig, dass nicht nur die Aspekte Verbindungen und Kommunikation im Fokus der Bemühungen im Bereich der Neuen Medien stehen sollten, sondern dass vielmehr die Qualität der Inhalte von ebenso großer Bedeutung ist. Alle, die sich mit Neuen Medien befassen, fordert er zur Förderung einer Kultur der Achtung, des Dialogs und der Freundschaft auf, wobei die Würde der menschlichen Person zu respektieren ist. Der Dialog sollte stets im Rahmen eines echten Strebens nach Wahrheit stattfinden. Durch die Neuen Medien können die Nutzer leicht der Vorstellung zum Opfer fallen, sie seien Konsumenten auf einem Markt undifferenzierter Möglichkeiten, wo die Wahl bereits an sich gut und Neuheit wichtiger als Schönheit sei und die subjektive Erfahrung die Wahrheit ersetze. Die Neuen Medien dürfen Menschen nicht von Verbindungen innerhalb der Familie, zu Nachbarn und Mitgliedern der Gemeinschaft außerhalb des Internets abhalten. Der Heilige Vater warnt davor, dass ein überzogener Wunsch nach virtuellen Verbindungen Menschen von echter sozialer Interaktion ausschließen und die Muster der Ruhe, der Stille und des Nachdenkens durchbrechen kann, die für eine gesunde menschliche Entwicklung notwendig sind. Die Kirche befürwortet ein moderates Vorgehen in sämtlichen Bereichen der Interaktion mit Neuen Medien. Der Papst unterstreicht, dass die Rolle junger Menschen im Hinblick auf das Verhältnis der Kirche gegenüber den Neuen Medien und der Evangelisierung wichtiger denn je zuvor ist.

Welche anderen christlichen Informationsquellen nutzen die Neuen Medien?

Einblicke in die Vorzüge der Neuen Medien gewähren Stellungnahmen, die aus dem säkulären Marketing sowie aus protestantischen und katholischen Informationsquellen stammen. Zahlreiche kirchliche Organisationen nutzen die Neuen Medien in verstärktem Maße, wenngleich mit unterschiedlichem Erfolg.

Welche Bedeutung haben die Neuen Medien für die Säkularinstituten?

Säkularinstitute verwenden die Neuen Medien ebenfalls in großem Umfang. Mitglieder von Säkularinstituten, die allein oder mit ihrer Familie leben, können die Kontakte untereinander und mit anderen Personen über E-Mail, Skype, etc. pflegen. Die Weltkonferenz der Säkularinstitute CMIS besitzt einen Internetauftritt, über den Nutzer auch auf die Webseiten zahlreicher Säkularinstitutskonferenzen sowie Säkularinstitute Zugriff nehmen können. Weitere kontinentale und nationale Konferenzen von Säkularinstituten sind ebenfalls online präsent. Im Internet finden sich darüber hinaus Materialien zum Berufungsbewusstsein sowie Bildungsmaterialien.

Was sagen moderne Forscher zu den Neuen Medien?

Die Wissenschaftler James Katz und Ronald Rice haben die sozialen Konsequenzen der Internetnutzung ausführlich untersucht. In „Project Syntopia“ berichten sie zusammenfassend von ihren Forschungsarbeiten. Allmein stellten sie fest, dass die Online-Aktivitäten von Menschen ihr anderweitigen Tätigkeiten offline (außerhalb des Internet) widerspiegeln. Es gibt keinen Beleg für das „soziale Paradoxon“, dass übermäßige Internetnutzung die soziale Isolation erhöht; Katz und Rice schlussfolgern vielmehr, dass mit der Internetnutzung eine „gesteigerte gemeinschaftliche und politische Teilhabe sowie eine signifikante und verstärkte soziale Interaktion einhergeht, sowohl online wie offline“. Ihre Forschungsergebnisse wurden von zahlreichen anderen Studien bestätigt.

Erik Qualman weist für das Jahr 2009 nach, dass soziale Medien nicht nur wesentlich größeren Zuspruch finden als jedes andere Medium in der Geschichte, sondern auch, dass ihre Popularität mit der Zeit weiter anwachsen wird. Der Rundfunk benötigte 38 Jahre, um 50 Millionen Nutzer zu erreichen, das Fernsehen brauchte 13 Jahre dafür, während Facebook laut Qualman 100 Millionen Nutzer in nicht einmal 9 Monaten erreichte. Wäre Facebook ein Staat, dann wäre es der viertgrößte der Welt, so Qualman. Die beliebte Online-Enzyklopädie Wikipedia, deren Nutzer sämtliche Artikel gestalten und edieren, enthält über 13 Millionen Artikel, von denen 22% auf Englisch und 78% in anderen Sprachen abgefasst sind.

Vom Marketing-Standpunkt aus betrachtet steht es Nutzern und Verbrauchern frei, selbst zu bestimmen, wieviel Werbung sie konsumieren wollen. Sie können wählen, welche TV-Sendungen sie ansehen und welche Werbespots sie überspringen wollen, sie können beim Besuch von Internetseiten eine Software nutzen, die Werbung aller Art ausblendet. Denn die Verbraucher sind der Werbung müde. Dies erschwert die Lage für Vermarkter, die heute Kunden erreichen wollen. Lediglich 14% der Verbraucher vertrauen der Werbung, aber laut Qualmann vertrauen 78% von ihnen den Empfehlungen Gleichgestellter (Peer-to-peer). Die Konsumenten misstrauen den Aussagen von Vermarktern und ziehen die authentischere Interaktion mit Personen vor, die ihnen selbst ähnlich sind. Laut Edelman Trust Barometer 2008 ist die Stimme, der Verbraucher im Internet das größte Vertrauen entgegen bringen, die Stimme von „jemandem wie mir selbst“.

Jugendliche und das Internet

Das Internet spielt im Leben der Jugendlichen eine wichtige Rolle. Mehr als 87% der Jugendlichen in den USA (21 Millionen) nutzen das Internet. Textnachrichten, Instant messaging, Chat rooms und persönliche Internetauftritte steigern das Tempo der multiplen und gleichzeitigen Interaktion, was viele Herausforderungen mit sich bringt.

Gesellschaftliche Einflüsse

Mit Hilfe der Kommunikation über Internet lässt sich das eigene soziale Umfeld erweitern. Dieses Umfeld ist geografisch nicht mehr eingeschränkt, denn die Präsenz ist eine „virtuelle“ und keine „physische“. Für junge Menschen, die durch geografische Entfernungen, Erkrankungen oder Handicaps eingeschränkt sind, bieten Online-Chats eine wichtige Form der Kommunikation.

Allerdings kann dies nach Meinung verschiedener Experten zu sozialer Isolation und zu Auswirkungen auf die Beziehungen innerhalb der Familie führen. Derzeit entstehen völlig neue Situationen im Internet, wie z.B. virtuelles Bullying (Schikanieren), Stalking, Belästigung, Pornografie, Hacking oder Flaming (öffentliche Hassattacken). Andere Gefahren sind z.B. die offene Zurschaustellung von Verstößen gegen Gruppennormen in Gestalt von Rassismus, Sexismus und Homophobie.

Einflüsse im emotionalen Bereich

Das Internet wird immer mehr als zentrale Ressource für beliebige Themenbereiche genutzt, von Missbrauch bis Selbsthilfe. Außerdem bietet es Jugendlichen die Möglichkeit, sich zu äußern. Viele Jugendliche nutzen gesunde Ressourcen wie Angebote von Selbsthilfegruppen, Selbstmord-Hotlines, Informationen zu gesundheitlichen Fragen und nehmen auf diesem Weg Kontakt zu den entsprechenden Organisationen auf. Mit Hilfe dieser Interaktion bauen sie sich ein Netzwerk außerhalb ihres unmittelbaren Umfelds auf, das bei emotionalen Problemen Unterstützung bieten kann.

Von Nachteil ist allerdings, dass viele Ressourcen, die die emotionale Sphäre betreffen, schädlich sein können. Im Internet sind z.B. Organisationen für Sterbehilfe und Selbstmord präsent. Online finden sich Informationen über Bombenbau, Selbstverstümmelung, sexuelle Praktiken, Drogenmissbrauch und vielen weitere illegalen oder unerlaubten Aktivitäten.

Interrnetsicherheit ist heute ein wichtiges Thema für Jugendliche. Es ist grundlegend, dass Eltern und Kinder über Internetsicherheit informiert sind, damit sie Schikanierungen, sexuellen Angebote und sexuellen Belästigungen vorbeugen können. Lehrerinnen und Lehrer sollten Anleitungen bereitstellen, um Plagiat, Betrügerei und andere Formen unsittlicher Kommunikationsmethoden zu begegnen.

Virtuelle Lernangebote und virtuelle Unterstützung sind für Jugendliche heute von Bedeutung. Dies gilt besonders für folgende Themen: Kritik üben an Textnachrichten oder E-Mails, um die Botschaft bzw. ihren Verfasser zu verstehen, über „Netiquette“ diskutieren, den Cyberspace angemessen nutzen, etc.

Die virtuelle Kommunikation hat zahlreiche Aspekte des privaten, sozialen, kulturellen und geistigen Lebens von Jugendlichen verändert. Doch mit entsprechender Anleitung, Unterweisung und Supervision birgt sie ein Potential für eine positive persönliche Entwicklung.

Theologie geht über Technologie?

Papst Benedikt XVI. sagte im Dezember 2010 in seiner Ansprache an die Mitglieder der Internationalen Theologischen Kommission, dass diejenigen, die Gott lieben, gewissermaßen gezwungen sind, zu Theologen zu werden. Unser gesamtes Handeln sollte in enger Verbindung zu unserer Beziehung zu Gott stehen. Der Heilige Vater merkte an, dass Theologie erst dann Theologie ist, wenn sie in das Leben und Nachdenken über die Kirche in Zeit und Raum eingebettet ist.

Jesus sprach: „Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!“ (Mt 7,22-23).

Wir können beliebig lange darüber sprechen, auf welche Weise die Neuen Medien die Sendung der Kirche unterstützen können: Es wird bedeutungslos bleiben, sofern wir nicht eine fromme theologische Grundlage für den Medieneinsatz gestalten. Theologie geht über Technologie!

Welche theologischen Grundlagen soll die Kirche entwickeln und wie?

Der Heilige Vater betrachtet die Kirchenlehrer und Theologen der gesamten christlichen Tradition als unsere Lehrer. Wir haben zunächst über die Evangelisierung zu reflektieren, so wie dies die Kirche stets getan hat, von den Propheten bis zu Christus und den Heiligen. Des weiteren sollten wir über die nachfolgenden Kirchenväter, Kirchenlehrer und Persönlichkeiten im Bereich von Kirche und Neuen Medien nachdenken. Dies sind: der Apostel Paulus; der Hl. Franziskus von Sales, Bischof und Kirchenlehrer (1567-1622); der Selige Giacomo Alberione, Gründer der Paulusfamilie (1884-1971); der Diener Gottes Fulton J. Sheen, Bischof und preisgekrönte Medienpersönlichkeit (1895-1979); der Hl. Daniel Comboni, dessen Worte zur missionarischen Tätigkeit im Zeitalter der Neuen Medien erklingen.

In welche Richtung gehen wir?

Die Neuen Medien haben ein völlig neues Terrain für das menschliche Denken, Lernen und Kommunizieren geschaffen. Viele sehen darin mehr als nur eine Medienrevolution, nämlich eine Umwälzung der Sprache und Ausdrucksform. Die neuen Medientechnologien haben die Denk- und Ausdrucksweisen von Menschen grundlegend verändert. Ich habe versucht, einen Überblick über diese Ausdrucksformen zu geben, in deren Rahmen die aufkommenden neuen Medientechnologien in der Kirche betrachtet, evaluiert und ggf. gefördert und verwendet werden können. Das Material für meine Ausführung sind Lehramtstexte sowie die Arbeiten von Angela Santana. Die Kirche verfügt über „neue Ausdrucksformen“ und muss nun überlegen, welche „neue Ausdrucksform“ für die Kirche geeignet ist.

Quellen:

  1. Santana Angela M.: New Media, New Evangelization: The Unique Benefits of New Media and Why the Catholic Church Should Engage Them. St. Mary's University San Antonio, Texas.
  2. Enzyklika „Caritas in Veritate“ von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe, Priester und Diakone, an die Personen gottgeweihten Lebens, an die christgläubigen Laien und an alle Menschen guten Willens über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und Wahrheit.
  3. Dekret „Apostolicam Actuositatem“ über das Laienapostolat, von Papst Paul VI. am 18. November 1965
    promulgiert.
  4. Apostolisches Schreiben „Die schnelle Entwicklung“ an die Verantwortlichen der sozialen Kommunikationsmittel von Papst Johannes Paul II.
  5. Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum 43. Weltkommunikationstag am 24. Mai 2009: „Neue Technologien - Neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts, des Dialogs, der Freundschaft“.
  6. James Katz u. Ronald Rice: Project Syntopia: Social consequences of Internet Use.

N. CMIS.: der originale Text ist in Englisch.

WIE SICH DIE BERUFUNG WANDELT,
WENN SICH DIE WELT VERÄNDERT UND WIR MIT IHR

Piera Grignolo

Das Thema, das mir für diese Konferenz angetragen wurde, ist besonders vielschichtig und interessant. Der Begriff „Wandel“ bildet die Grundlage für die uns umgebende soziopolitische Realität wie auch für unsere persönliche Lebenswirklichkeit. Ich glaube jedoch nicht, dass dies auch für unsere Berufung als Laien zutrifft, denn:

Es wandelt sich die Art und Weise, in der wir die Charismen leben und aktualisieren, doch ihr Wesen wandelt sich nicht: ein Gott geschenktes Leben für die Brüder und Schwestern in der weltlichen Wirklichkeit, in der Welt.

Es geht also nicht darum, einen Mentalitätswechsel zu vollziehen, sondern darum, „eine Mentalität des Wandels beziehungsweise des Reisenden“ anzunehmen (E.J. Leed: La mente del viaggiatore, Bologna 1992) und eine Art nomadenhaftes, vernetztes Denken zu entwickeln, wie dies unserer Zeit der Mobilität und des Wandels entspricht, in der der Reisende wie der vor Ort Verbleibende in jedem Fall als homo migrans lebt.

Es gilt, eine neue Herangehensweise an Bildung zu gestalten und dabei den modernen Subjektivismus zu überwinden, der das Ich in den Mittelpunkt stellt, um uns für das Antlitz des Anderen zu öffnen: Wandel und Offenheit für einen weltumspannenden, gemeinschaftlichen und interkulturellen Humanismus.

Die Neuheit des dritten Jahrtausends liegt in der Wiederentdeckung der Beziehungswirklichkeit. Wir Menschen der westlichen Welt gehören der philosophisch-pädagogischen Tradition nach dem Grundsatz „Erkenne dich selbst“ an. Dieser Tradition liegt die Überzeugung zu Grunde, dass der andere gleich oder andernfalls „barbarisch, ungläubig, jedenfalls minderwertig“ ist. Doch was geschieht, wenn der andere zwar anders ist, ich mir aber bewusst bin, ihn nicht einfach als Barbaren oder Heiden betrachten zu können?

Der italienische Philosoph Italo Mancini schreibt in seinem Werk Tornino i volti: „[…] Im dritten Jahrtausend müssen der andere und sein Antlitz, im biblischen Sinne der Nächste, zu dem alles umfangenden Begriff werden, in dessen Umkreis sich eine Kultur des Friedens entfaltet“.

Es gilt, den Sinn für Aufnahme und Solidarität neu zu entdecken und uns zu jener Wechselseitigkeit zu erziehen, die zum Zuhören, zum Dialog und zur Stille befähigt, zu dem Alleinsein, dem die Gegenwart des Anderen innewohnt.

Von uns wird folglich eine große Veränderung erwartet, ganz besonders von uns Laien, die wir durch unsere Berufung aufgefordert sind, den Alltag mit den Menschen in Städten und Regionen zu teilen. Freilich gibt es heute ein Niemandsland, gedächtnislos und von trostloser Kälte. Durch unsere Gegenwart müssen wir es in einen Nährboden des Lebens verwandeln, in ein Terrain des Zugehörigkeitsgefühls, der Zukunftsorientiertheit und der Verheissungen: Denn hier begegnen sich Mann und Frau, hier kommen bedeutungsvolle Beziehungen zum Tragen, hier definiert sich das Ich durch das Wir, hier wird die bewohnte Erde wird zum Raum der Gefühle und Beziehungen, hier gestalten wir miteinander den Sinn des Lebens, hier kann jeder Mensch sein Brot und seinen Frieden finden.

Und eben in dieser Perspektive lernt man miteinander zu teilen. Das gemeinschaftliche Teilen wirkt in einer Beziehung maßgebend: Ohne dieses Teilen kann keine bedeutungsvolle Beziehung existieren.

Miteinander zu teilen rührt an das Innerste einer Person: Wer teilt, hat am Leben der Anderen teil und lässt diese am eigenen Leben teilhaben. Dies gilt in einem ausgewogenen Beziehungsverhältnis, in dem ein jeder Energien, Fähigkeiten, Grenzen, Schwächen, Freuden und Schmerzen mit den Anderen teilt.

An die Stelle von do ut des tritt so der wechselseitige Austausch zwischen mehreren Personen: Man betritt das Leben des anderen, lebt in dessen „Wirklichkeit als Person“ und ist so bereit, sich auch im eigenen Alltag konkret zu ändern. Man sucht zusammen mit anderen nach etwas, das man gemeinsam aufbauen und teilen kann, etwas, das meinem Leben und dem der anderen einen Sinn verleiht, das durch strukturelle Veränderungen entsprechende Verbesserungen für die Personen nach sich zieht, indem diese Strukturen menschlicher und personenzentrierter werden.

Dies setzt keine großen Gedanken und Taten voraus, sondern ein Augenmerk für die wirklichen Bedürfnisse der Menschen, die gemeinsam mit uns ein Stück Geschichte gestalten.

Für mich liegt die Neuheit heute darin, dass an uns die Aufforderung gerichtet wird, eine neue und anders geartete Gegenwart in unserem Lebensumfeld zu leben - mit dem Ziel, „ein Leben nach dem Evangelium zu führen, um den zeitgenössischen Menschen von Gott zu künden“.

Dies setzt wachsame Aufmerksamkeit für den uns umgebenden soziokulturellen Wandel sowie für die in uns selbst ablaufenden Veränderungen voraus, damit wir unsere Berufung als Laien, die sich im Bewusstsein um die Begegnung mit dem anderen und die Beziehungsorientiertheit konkretisiert, die die Grundlage unseres Daseins bildet, als immer von neuem lebensspendend verwirklichen können.

Von uns werden daher nicht nur ein bestimmtes Handeln und Organisieren erwartet, sondern vor allem ein Sein: ein treu sein im Wandel, indem wir neue Formen der Präsenz entwickeln!

Natürlich verändert man sich im Lauf der Zeit. Mir kommen die Begeisterung der Anfänge und die Beweggründe in den Sinn, mit denen wir uns mit Eifer daran machten, Gottes Plan anzunehmen und das Salz, die Hefe, das Licht im Alltag zu sein - ein tief verwurzelter Wunsch, der uns dabei geholfen hat, die Schwierigkeiten zu überwinden.

Im Lauf der Jahre erlebten wir es dann als mühsam, für unsere scheinbar anonyme Gegenwart keine Anerkennung zu bekommen, häufig in nicht verstandener Einsamkeit zu leben, im Krankheitsfall mangelnde Unterstützung zu erhalten und einer ungewissen Altersversorgung entgegenzusehen.

Mit Erstaunen und Interesse las ich kürzlich in der italienischen Zeitschrift Credere oggi (Glauben heute) einen Artikel der Theologin Lilia Sebastiani mit dem Titel: „Für eine Spiritualität des Konsums und der Befriedigung“. Spiritualität des Konsums - davon hatte ich noch nie zuvor gehört, lediglich von Konsumismus, natürlich negativ konnotiert.

„Ist heute die Flucht einer „schönen Seele“ vor der Zivilisation, die durch den Faktor Geld gefährdet ist, tatsächlich eine spirituelle Entscheidung? Selbst unter der Annahme, dass diese (einzelne) „Seele“ Glück und Selbstverwirklichung in einer selbstgewählten extra-ökonomischen Lebensform findet, fragen wir uns: Ist ein Leben außerhalb der Wirtschaft nicht auch in gewissem Maß ein Leben außerhalb der Gesellschaft? Und kann es eine wahrhaft spirituelle Entscheidung ohne Solidarität geben?

Vielleicht ist einer „schöne Seele“ heute in erster Linie die, die die Konfrontation mit den Dingen der Welt nicht scheut, sondern sich „die Hände schmutzig macht“, wie man früher sagte. Allerdings will die zu Grunde liegende Sichtweise nicht recht überzeugen, auch weil sie stets ein negatives Urteil enthält und impliziert, dass die Welt „schmutzig“ ist.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob man sich die Hände schmutzig machen möchte, sondern ob man die Welt läutern will, bis diese so „durchscheinend“ wird, dass der Plan Gottes sichtbar in ihr zu Tage tritt.

Dies setzt auch die Versöhnung mit Gütern und Dingen voraus: nicht um darüber sich selbst zu vergessen, nicht um sich mit der Welt zu identifizieren, nicht um das eigene angeborene „Streben nach Höherem“ außer Augen zu verlieren, sondern vielmehr, um die Logik der Erlösung in sämtlichen Bereichen des irdischen Lebens immer deutlicher und konkreter hervortreten zu lassen“.

Für uns als Mitglieder von Säkularinstituten scheint mir das eine signifikante Interpretation zu sein, ein Denkanstoß und eine Aufforderung zur Öffnung. Eine Interpretation, die heute unverzichtbar ist, gerade dann, wenn wir wahrhaft auf der Suche nach einem kreativen und doch gläubigen Weg sind, um in der Geschichte präsent zu sein und dabei die Person und nicht die Dinge in den Mittelpunkt zu stellen, sondern vielmehr die Dinge zu nutzen, ohne von ihnen abzuhängen oder von ihnen ausgelaugt zu werden.

Ich möchte diese Gedanken zur Reflexion anbieten.

Berufung heute leben - eine pädagogische Betrachtung

Im Zustand fortwährender Umkehr zu leben bedeutet eine völlig neue Denkweise. Niemals resignieren, sondern stets hellhörig bleiben, um neue Formen der Gegenwart zu erfassen, die für unser Zeitalter und unsere Situation geeignet sind, nämlich:

1) Eine demütige, arme Kirche denken, die sich der Kraft des Evangeliums anvertraut: „Kirche ist letztlich die Welt in der Umkehr“ (Moioli 1990). Wir sind Kirche, zugleich sind wir stets Welt.

  • Nein zur Weltflucht;
  • Nein zur Eroberung der Welt;
  • Ja zur Umkehr der Welt, beginnende bei uns selbst, indem wir glaubhaft Zeugnis ablegen: Konfrontieren unser Lebensstil und unsere Menschlichkeit die, die uns begegnen, mit einer Sinnfrage?
  • Kargheit der Mittel: Verwendung der Mittel der Welt in dem Maße, in dem sie nützlich sind, aber sie aufgeben, sobald sie an der Aufrichtigkeit des Zeugnisses Zweifel aufkommen lassen (Dianich).

2) Die „Weisheit“ erlangen

  • Unsere Empfindsamkeiten evangelisierend leben als „spirituelle Sinne, die für die lebensspendende Gnade des Geistes empfänglich sind“.
  • Mit Hilfe der Sinne kommunizieren wir mit unserer Umwelt, und zwar in beiden Richtungen: indem wir die Gabe Gottes annehmen und sie unsererseits weiterreichen.
  • Die Beziehung zu dem notwendigen Einzigen pflegen:
    • in der Dimension der Kontemplation und communio mit Jesus Christus als Grundlage des In-der-Welt-Seins, ohne die Begeisterung Elan zu verlieren;
    • als Grundlage für das „Wagnis des Miteinander-Teilens“ (Moioli 1991).

Wenn wir unsere Menschlichkeit leben und innigen Kontakt zur Menschlichkeit Christi pflegen, wandelt uns dies innerlich und lässt uns weise und behutsam werden. Es macht uns zu Frauen und Männern, die es vermögen jenen durch die Annahme des Evangeliums erfahrenen „Glauben und jene Liebe [mitzuteilen], die sich in Tat und Wahrheit des Lebens auswirken“ (GS 42).

Ein jeder von uns sollte sich die Aufforderung zu eigen machen, die Jesus an Maria Magdalena richtet: „Geh aber hin zu meinen Brüdern“ (Joh 20,17), lebe unter ihnen und künde ihnen mit deinem Zeugnis von Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat.


N. CMIS.: der originale Text ist in Italienisch.

ELEMENTE FÜR EIN RESÜMEE DES KONGRESSES

Giorgio Mario Mazzola

Zum Abschluss unseres Kongresses möchte ich nun einige der Anregungen aufgreifen, die in diesen Tagen an uns gerichtet wurden und versuchen, daraus ein paar Handreichungen abzuleiten.

Beginnen wir bei Assisi und dem Hl. Franziskus

Ich erinnere mich an eine Begegnung zwischen der CMIS und dem damaligen Sekretär der Kongregation für die Ordensleute, Kardinal Gianfranco Gardin, der die profunde Bedeutung der Berufung der Säkularinstitute zu verstehen versuchte. Er schloss seine Ausführungen mit folgender Analogie: „Der Hl. Franziskus legte bei der Gründung seines Mönchsordens Wert darauf, dass es Minderbrüder waren, d.h. dass sie klein sein sollten“. Klein, doch notwendig für die Erneuerung der Kirche, die in jener Zeit weit vom Kurs abgekommen war, um sie zu ihrer wahren Sendung zurückzuführen, Zeugin der Liebe Gottes zu sein.

Viele Jahrhunderte später vermeint man heute, in derselben Situation zu sein: Die Kirche, die ebenfalls ein wenig vom Kurs abgekommen zu sein scheint – und damit meine ich nicht nur die Schlagzeilen der Tageszeitungen, die höchstens auf einen größeren Missstand hinweisen, auf eine mehrfach vom Papst angesprochene Verwirrung – muss viele Überbauten abtragen, die unnötiger Ballast sind und in einigen Fällen sogar schädlich sein können. Die Kirche muss wieder eine lebendige, wahrhaft menschliche Verbindung zum Wort des Evangeliums aufnehmen und allein darin Vertrauen setzen. Bei genauem Hinsehen ist dies, gerade wenn wir uns umsehen, ein immenses Werk der Erneuerung. Zu dieser Erneuerung müssen die Säkularinstitute ihren Beitrag leisten. Wir sind klein und doch sind wir notwendig.

Worin besteht dieser Beitrag, von dem wir nicht absehen dürfen? Darüber müssen wir ernsthaft nachdenken, wir können nicht automatisch sagen, dass wir uns dieser Aufgabe getreu verschrieben haben, allein aufgrund der Tatsache, dass wir hier sind.

Glaubende zu sein heißt für uns, der Weihe und der Welthaftigkeit treu zu sein, und zwar der vollgültigen Weihung und der vollgültigen Weltlichkeit.

In unseren Überlegungen setzen wir bei den profunden und inhaltsreichen Worten des Lehramts an, die der Heilige Vater an uns richtet:

Das Konzil erinnert uns auch daran, dass die Beziehung zwischen Kirche und Welt im Zeichen der Wechselseitigkeit gelebt werden muss. Daher ist es nicht nur die Kirche, die der Welt gibt und dadurch zur humaneren Gestaltung der Menschheitsfamilie und deren Geschichte beiträgt, sondern es ist auch die Welt, die der Kirche gibt, damit sich diese selbst besser verstehen und die eigene Sendung besser leben kann.
(s. Gaudium et Spes, 40-45)

Diese im päpstlichen Schreiben zitierten Kapitel von Gaudium et Spes las ich kürzlich aufs Neue, und vor diesem Hintergrund erscheint mir das an uns gerichtete Schreiben noch eindringlicher. Im Rahmen des Austauschs Kirche-Welt müssen wir in jedem Fall an der Dynamik beider Bereiche teilhaben, denn wir stehen gewissermaßen auf beiden Seiten zugleich. Die angesprochene Wechselseitigkeit müssen wir in unserem Leben leben und dabei eines beachten: Wir dürfen nicht als Boten handeln, als nähmen wir etwas von einer Seite und gäben es der anderen. Diese Wechselseitigkeit erleben wir am eigenen Leibe, da wir ja in der Welt leben. Unser Leben wird, so wir wahrhaft in an dieser Welt teilhaben, unaufhörlich von diesem dynamischen Fluss durchströmt.

Der Papst richtet an uns die Aufforderung:

dass Sie in der Lage sind, sich von der Komplexität der heutigen Welt hinterfragen zu lassen, offen zu bleiben für Anregungen, die aus den Beziehungen zu unseren Brüdern und Schwestern entstehen, denen Sie auf Ihrem Weg begegnen, sich zu engagieren für eine Unterscheidung der Geschichte im Lichte des Wortes des Lebens. Seien Sie bereit, gemeinsam mit allen, die nach Wahrheit suchen, Wege des Gemeinwohls zu gestalten, ohne vorgefertigte Lösungen und ohne Furcht vor Fragen, die Fragen bleiben.

Bevor ich ein paar Hinweise aus diesen Worten abzuleiten versuche, sei angemerkt, dass sich das Lehramt der Kirche bezüglich der Säkularinstitute, vor allem das päpstliche Lehramt, als äußerst wertvoll und inhaltlich bedeutend bestätigt. Es ist, als wiederhole die Kirche fortwährend und mit Nachdruck, dass diese Berufung wichtig, sehr wichtig ist! Und wir? Wir glauben nicht voll und ganz daran! Uns fehlt das Vertrauen, unser Leben und seinen Sinn ganz dem Dasein als Miteinander zu verschreiben. Pater Gamberini sprach in diesem Zusammenhang von einer „Auslieferung“ der Sinnhaftigkeit. Wir suchen oft nach Abkürzern, um dem Leben auf andere Weise Bedeutung zu verleihen.

Der Heilige Vater sagt: „Ohne Furcht vor Fragen, die Fragen bleiben“. Was für eine couragierte Aussage! Wie schön wäre es, würden sich unsere Institute jungen Menschen gegenüber mit dieser Aussage vorstellen und sagen: Wir sind nicht in erster Linie dazu da, Antworten zu geben (oder gar vorgefertigte Lösungen anzubieten), sondern dazu, Fragen entgegen zu nehmen. Wir benötigen anspruchsvolle Fragen, um uns fortwährend darin zu üben, uns diesen Fragen zu stellen. Ganz besonders solchen, die aus dem Umfeld der Nichtglaubenden stammen.

Das Evangelium ist dazu geschaffen, von allen Menschen guten Willens verstanden zu werden. Ist das nicht der Fall, so müssen wir die Art und Weise hinterfragen, auf die wir den Menschen das Evangelium nahebringen. Ab und an sollten wir es verstehen, das Herz des Nichtglaubenden zu erreichen – und das wäre gar nicht schwierig, wenn wir den Mut hätten, den Nichtglaubenden anzuhören, den ein jeder von uns in sich trägt. Dann würde uns nämlich auffallen, wie lächerlich und geistlos wir mitunter sind, mit unseren verfälschten Liturgien und moralistischen Urteilen, unseren Initiativen, die oft nur schmückendes Beiwerk darstellen. Ganz zu schweigen davon, wenn wir im Widerspruch zum Evangelium handeln. Der Heilige Vater fordert uns auf, die Wunden der Welt und der Kirche voller Nächstenliebe zu umarmen, denn dies sind unsere eigenen Wunden.

Den Nichtglaubenden Gehör schenken sollte für die Säkularinstitute eine tief empfundene Aufgabe sein, der sie sich verbunden fühlen. Doch damit die Nichtglaubenden Gehör finden, müssen wir uns mit ihrer Welt auch wahrhaftig auseinandersetzen.

Pater Gamberini führte uns vor Augen, wie das Heilige, das Reine und das Leben in Christus der Sünde, dem Unreinen, dem Tod begegneten und wie das Leben allein dadurch ins Fließen und Strömen versetzt wird. Unser Heil wurde gestiftet, als Geweihtes auf Profanes traf. Im Anschluss an den Vortrag hatte ich nichts weiter hinzuzufügen. Doch hierüber gilt es die Überlegungen weiter fortzusetzen.

Wenn wir sagen, dass wir unsere Armut, Keuschheit und Gehorsam gemäß den Erfordernissen der Welthaftigkeit leben müssen, meinen wir damit, dass diese die Intentionalität Gottes annehmen muss. Das Kriterium, anhand dessen wir diese Tugenden leben und prüfen müssen, lautet: damit alle „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

Wir haben von Sprache gesprochen: Anhand der Neuen Medien zeigt sich immer deutlicher, dass die Sprache der Kirche Gefahr läuft, keinen Widerhall zu erzeugen, wenn in ihr das Leben (oder das Blut, das Leben in Fülle, wie wir mit den Worten des Evangeliums sagen könnten) nicht mehr strömt. Jesu Worte besitzen Autorität, denn er ist das Fleisch gewordene Wort, in ihm sind Wort und Leben eins. Sehr interessant war hierzu der Bericht von Frau Professor Gerl Falkovitz bezüglich der Gebetsinitiativen für Atheisten: Wir hörten, dass Nichtglaubende weniger Interesse zeigten, wenn sie das Evangelium in Verbindung mit unseren Ausführungen hörten; wurde das Evangelium dagegen allein verlesen, dann fühlten sich die Atheisten angesprochen und mit Fragen konfrontiert. Es gibt nämlich ein bestimmtes Sprechen und Nachdenken über Kirche, das um sich selbst kreist, nicht anspricht und kein Leben mehr vermittelt, weil es dem Leben fernsteht.

Im Vortrag von Ivan Netto beeindruckte mich eine knappe Aussage über eine Umfrage zu den Jugendlichen: „Sie sind nicht bereit, Botschaften anzuhören, die von oben auferlegt werden, doch sie sind bereit, einem wie mir zuzuhören“. Jesus ist den Menschen auf Augenhöhe begegnet, er ist einer von ihnen geworden. Jemand im Saal sagte: Madeleine Delbrêl sei nicht der Meinung, gewesen Großes geleistet zu haben - sie habe lediglich die Menschen geliebt, mit denen sie lebte.

Piera Grignolo führte uns in ihrem Bericht vor Augen, dass es nicht selbstverständlich ist, dem anderen zu begegnen. Einem anderen, der sich mehr denn je wandelt. Wir dürfen nicht vor ihm stehen, wie müssen an seiner Seite stehen. Das ist kein leichtes Unterfangen. Pater Gamberini teilte uns während des Austauschs nach seinem Vortrag mit, dass das Zuhören die wichtigste Form des „Exorzismus“ ist: dem Anderen Raum gewähren, damit er seine Erfahrung mitteilen kann.

Raum - ein Begriff, der uns mit Begeisterung erfüllen sollte. In der Begegnung mit dem anderen müssen wir lernen, Raum zu schaffen, statt lediglich den vorhandenen Raum auszufüllen, wie wir es normalerweise tun. Nach dem christlichen Mysterium müssen wir uns dabei vor Augen halten, dass in dieser Begegnung jemand gehen und Raum schaffen, Platz machen muss, und dieser Jemand sind wir.

Die Kirche muss lernen, nicht immer maximale Aussagen treffen zu wollen, sondern das notwendige Minimum zu sagen. Denn es muss klar sein, dass „das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7). Wir sollten aufhören, uns als Herren des Geistes zu gebären. Vielmehr sollten wir, so der Heilige Vater, uns bewusst sein, dass Gott seine Heilsgeschichte auf dem Grundgerüst der Gegebenheiten unserer Geschichte schreibt. Seine Heilsgeschichte, nicht unsere. Die Welt benötigt keine Handlanger des Geistes, die den Glauben wie ein Handbuch vorgefertigter Antworten benutzen (der Kardinalpräfekt hat darauf hingewiesen, dass uns die Last unserer Werke sonst erdrückt). Was die Welt benötigt, sind Wahrheitssuchende. Lassen Sie mich erneut die Worte des Heiligen Vaters zitieren:

Das Maß der Tiefe Ihres spirituellen Lebens sind nicht die zahlreichen Betätigungen, […] sondern vielmehr die Fähigkeit, Gott im Herzen eines jeden Ereignisses zu suchen. […] Allein kraft der Gnade, die eine Gabe des Heiligen Geistes ist, können Sie auf den verschlungenen Wegen der menschlichen Begebenheiten die Ausrichtung hin zur Fülle des überreichen Lebens finden.

Auch die Kirche muss lernen, eine unnütze Magd zu sein – dies sind keine unbesonnenen Worte meinerseits, sondern die Worte Jesu. Wir lieben die Kirche aus ganzem Herzen und wünschen uns eine strahlende Kirche, die das Evangelium getreu lebt.

Frau Prof. Gerl Falkowitz hat uns mit ihrem Vortrag daran erinnert, dass wir über den Glauben nachdenken müssen. In unserem Bereich mangelt es an einer fortwährenden, stets aktuellen Reflexion, und mit diesem Mangel geht das Risiko einher, alles der Emotivität überlassen zu wollen. Wir werden sehen, ob es uns auf der Versammlung der kommenden Tage gelingt, entsprechende Leitlinien zu erarbeiten. Frau Falkowitz führte uns die Notwendigkeit einer profunden anthropologischen Betrachtung vor Augen, die das christliche Mysterium in den Mittelpunkt der grundlegenden Frage zum Leben stellt: Wie nutze ich dieses Leben? Soll ich es für mich behalten? Wie überwinde ich die Angst, es zu verlieren? Mit diesen Fragen stellen wir uns im wahrsten Sinne an die Seite der anderen. Deshalb sagte ich nach Ihrem Vortrag, dass wir uns in aller Offenheit dieser Frage stellen müssen: Worin besteht die Aufgabe der Christen in der Welt? Stellten wir das Leben in den Mittelpunkt, müssten wir schlussfolgern, dass wir nicht auf der Welt sind, um unsere Belange, mutmaßlich christliche Belange zu verfolgen, sondern um dieses Spannungsverhältnis, das das Leben eines jeden Menschen mit sich bringt, voll und ganz zu bejahen und zu versuchen, aus dieser Spannung heraus Zeugen einer Sinnhaftigkeit zu sein, den wir geschaut haben. Die Welt braucht Menschen, die diesen Fragen ins Auge sehen und ungekünstelt auf sie eingehen können.

Der einzige Makel eines Leben besteht darin, kein Heiliger zu werden: Mit Nachdruck hat uns Kardinal Gérald Lacroix an den Ruf zur Heiligkeit erinnert. Aus diesem Grund haben wir uns seinerzeit einem Säkularinstitut angeschlossen. Doch dies ist keine für uns selbst bestimmte Gabe, sondern für alle, und der Appell an die Heiligkeit muss in konkrete Handlungen umgesetzt werden. Wir müssen dem Angestellten helfen, der Lehrerin, der Mutter, dem Vater, dem Schmied, dem Bürgermeister, dem Kranken, aber auch dem Künstler, dem Sportler, um folgende Frage zu beantworten: „Wie kann ich heilig werden, wenn und indem ich als Angestellter, als Lehrerin, als Mutter, etc. tätig bin?“ Es gilt ein neues Vorbild der Heiligkeit zu gestalten, damit Christen verstehen, dass nicht heilig wird, wer auf Distanz zum Unreinen und Profanen geht, sondern dadurch, in dieser Situation gegenwärtig zu sein und zum Heiligen zu werden. Jesus wurde das Leben geschenkt, als er in Kontakt zum Unreinen und Kranken kam.

Alle und alles in der Kirche müssen diesen Weg der Heiligkeit und zur Heiligkeit mittragen, denn dies ist genau die Art und Weise, in der wir Kirche „betreiben“ und gestalten. Pierre Langeron hat uns sehr anschaulich die Mühe des Weges vor Augen geführt, den die Wiederaneignung der Rolle der Laien in der Kirche darstellt. Auf diesem Weg darf es aber nicht um eine „Forderung“ nach der Rolle der Laien gehen - als bäte man sie um Zugeständnisse oder Vollmachten. Dies muss ein Ende haben, denn in der Kirche sollte man sich endlich bewusst werden, dass das Gottesvolk aus Laien besteht, und die absolut notwendigen Dienste für dieses Volk eingerichtet wurden: der Dienst am Wort, der Dienst der Sakramente un der Dienst der Unterscheidung und des ständigen Gebets. Aus diesem Grund halte ich wenig von der Ausrufung eines „Jahres des Laientums“, denn dies hieße die Laien aus meiner Sicht als Kategorie zu behandeln. Doch die Laien sind nichts anderes als das Gottesvolk, und worum kümmert man sich in der Kirche, wenn nicht um das Gottesvolk? Um anderes, ja das ist durchaus möglich, doch auf die Gefahr eines Verrats gegen das Evangelium hin.

Der Kardinalpräfekt hat den unschätzbaren Wert der Gemeinschaft und die Notwendigkeit unterstrichen, mit der gesamten Kirche zu leben und zu atmen. Er bekräftigte, dass wir den Blick nicht auf unseren eigenen Horizont verengen dürfen, sondern uns der Gemeinschaft öffnen müssen. Seine Worte berühren uns, denn er sagte: Der Ursprung vieler Treuebrüche im geweihten Leben liegt in einer dürftigen Gemeinschaft, einer dürftigen Offenheit. Lassen Sie mich eine Bitte an Sie richten, die vor dem Hintergrund dieser Worte die Gestalt eines Appells annimmt: Wir haben hier in Assisi wunderbare Tage der communio erlebt. Belassen wir es nicht bei dieser einmaligen Erfahrung, sondern versuchen wir, den Weg der Weltkonferenz gemeinsam zu gehen und auch alle anderen Gelegenheiten zu Austausch und Teilen gemeinsam zu nutzen. Schotten wir uns nicht ab, um nicht Gefahr zu laufen, unserem Glauben untreu zu sein.

Dies setzt besondere Wachsamkeit voraus, damit Ihre Lebensform vom Reichtum, von der Schönheit und der Radikalität der evangelischen Räte kündet. Diese Worte des Heiligen Vaters verweisen uns auf die Notwendigkeit der Transparenz sowie, wie eingangs festgehalten, der Treue gegenüber der vollgültigen Weihe und vollgültigen Welthaftigkeit. Eine Stufe weniger wäre nicht genug, sondern würde nur bedeuten, dass wir Zeit verschwenden. Doch die Welt benötigt unseren Einsatz, unser gesamtes Leben.

Mit diesen Überlegungen schließen wir nun unseren Kongress ab. Wir haben wertvolle Anregungen im Hinlick auf die Beratungen der in Kürze beginnenden Versammlung erhalten. Vor allem aber Anstöße, um mit unserem Leben zu zeigen, welche außergewöhnliche Gabe das Leben ist, das wir empfangen haben.


N. CMIS.: der originale Text ist in Italienisch.

STATISTIK CMIS

SÄKULARINSTITUTE

  • 214 erkannt
  • 200 abhängig CIVCSVA
  • 4 von der Kongregation für die orientalischen Kirchen


GESAMTZAHL

  Päpstlichen Rechts Diözesanrecht Gesamt Mitgliedschaft
Weiblich 61 119 180 26580 (82,16%)
Lag männlich 2 6 8 569 (1,76 %)
Priester 8 2 10 3987 (12,32 %)
Mit Zweigen 2 6 8 1216 (3,76 %)
Gesamt 73 137 210 32352 (100 %)




ART DER MITGLIEDER

Weibliche Lag männlich Priester Gesamt
Endgültige integration In der Ausbildung Endgültige integration In der Ausbildung Endgültige integration In der Ausbildung  
25682 1713 (6,67 %) 642 134 (20,87 %) 3538 643 (18,17 %) 32352
27395
776
4181
 

ZAHLEN FÜR MITGLIEDER INSTITUT

Mitgliedschaft Institute Anzahl
- 10 8
11 a 20 16
21 a 50 52
51 a 100 51
101 a 200 50
201 a 500 21
501 a 1000 6
1001 a 2000 4
2001 - 2

Veröffentlichung der Akten des Kongresses

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